PINK FLOYD A Saucerful of Secrets
In A SAUCERFUL OF SECRETS zeigen PINK FLOYD einen Klang, der zugleich nach Londoner Underground riecht und die Schwelle zu einem strukturierteren Studioformat markiert. Die Band löst sich hörbar vom reinen Happening-Charakter früherer Nächte im UFO Club, ohne ihre Neugier einzubüßen.
Im zweiten Album von Pink Floyd zeigt sich ein Ensemble, das seinen Ursprung im Londoner Underground nicht verleugnet, zugleich aber eine festere Ordnung im Studio sucht. Die Sessions der vergangenen Monate haben die innere Bewegung der Gruppe offengelegt: Syd Barrett’s unzuverlässige Mitwirkung, die provisorische Phase des Fünfer-Line-ups und schließlich David Gilmour’s Übernahme der Gitarrenposition. In dieser Konstellation entsteht ein Werk, das zwischen alten Gewohnheiten und neuer Zielsetzung oszilliert. „Let There Be More Light“ eröffnet mit einem Bassmuster, das eine klare Achse vorgibt, bevor Orgel- und Stimmenlagen den Raum ausweiten. Der Tonfall bleibt ernst, weniger verspielt als in früheren Kompositionen, und die Aufteilung der einzelnen Klangschichten verrät ein wachsendes Interesse an kontrollierter Dramaturgie.
Auch das Albumcover, dessen dichte Collage aus kosmischen Figuren, farbigen Strukturen und verzerrten Perspektiven an Projektionskunst aus den Clubs erinnert, spiegelt diese Richtung: weniger zufällig, stärker komponiert, in seine einzelnen Ebenen gegliedert. „Remember a Day“ folgt mit weicherem Piano und einer Schichtung aus Orgel, Becken und akustischer Gitarre, wobei Richard Wright’s Stimme in einem Schwebezustand verharrt, der sich in den Strophen kaum auflöst. Die methodische Wiederholung schafft einen träumerischen Effekt, doch die Melodielinie bleibt bewusst zurückhaltend, fast skizzenhaft. In „Set the Controls for the Heart of the Sun“ rücken perkussive Muster und verhallte Klavierfiguren in den Mittelpunkt. Der monotone Bass verweist auf die jüngsten Bestrebungen der Gruppe, längere Abschnitte durch geringe motivische Variation zu stabilisieren. Der Aufbau wirkt bedacht: gedämpfte Schlagzeugmotive, Vibraphon, verhallte Stimmen, deren Platzierung im Raum mit den Möglichkeiten des Studios spielt.
Der Wechsel zu „Corporal Clegg“ bringt eine deutlich gröbere Textur. Gitarren und Kazoo-Einsätze schlagen einen Ton an, der zwischen Satire und marschähnlicher Groteske steht und der geschlossenen Form der übrigen Stücke widerspricht. Die Idee eines schwereren Rocksounds bleibt erkennbar, doch das Zusammenspiel verliert an Klarheit. Das Titelstück öffnet schließlich einen größeren formalen Rahmen. Die vier Abschnitte erinnern an die langen Improvisationen der Londoner Nächte, nur werden sie hier in eine feste Abfolge überführt. Geräuschartige Gitarren, Orgelcluster, vereinzelte Beckenfiguren und sich überlagernde Patterns bilden eine Art Studiokonstruktion, deren Höhepunkte und Rückzüge offenbar im Voraus skizziert wurden. Im letzten Teil sorgen Chorstimmen und Orgelakkorde für eine deutliche Wendung: die zuvor brüchigen Formen schließen sich, die Textur verdichtet sich zu einem nahezu feierlichen Klangfeld.
„See-Saw“ wiederholt einige Charakterzüge von „Remember a Day“, bleibt aber luftiger. Wright’s Stimme legt sich über Mellotron und Klavier, ohne die Statik des Arrangements zu durchbrechen. „Jugband Blues“ – Barrett’s später Beitrag – steht außerhalb dieser neuen Ästhetik. Die zerbrechliche Struktur, die fragmentarischen Harmonien und die Kombination aus Bläserklängen und akustischer Gitarre zeigen einen Komponisten, der weder an die neu entstehende Strenge des Studios anschließt noch an die frühen ekstatischen Improvisationen. Der Text bleibt doppeldeutig, die Form wirkt wie ein loses Gefüge. Gerade durch dieses Außenseitertum markiert das Stück den Übergang: Barrett verlässt hörbar den Raum, während die übrigen Mitglieder die Richtung bestimmen.
Im Jahr 1968 lässt sich „A Saucerful of Secrets“ somit als Versuch fassen, psychedelische Offensivkraft mit einem strukturierteren Vokabular zu verbinden. Die Londoner Szene bleibt ein wichtiger Bezugspunkt, doch das Album deutet an, wie sich aus dem offenen Experiment ein disziplinierterer Studiobegriff herauslösen kann.
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