STEVE LACY seziert auf OH YEAH? das moderne Begehren in einem schillernden Rausch aus Psychedelic, Breakbeats und ungeschönter Intimität. Seine Zehn-Track-Reise verbindet melancholischen Soul mit drängender Dissonanz zu einer faszinierenden Klanglandschaft.
Auf seinem dritten Soloalbum richtet Steve Lacy den Blick nach innen und wählt die offene Konfrontation mit den eigenen Verunsicherungen. Der kalifornische Songwriter und Produzent knüpft formlos an den weltweiten Erfolg von „Gemini Rights“ an, verschiebt jedoch den Fokus von gefälliger Hitmagie hin zu einer spürbar raueren, introspektiven Dynamik. Die zehn Stücke wirken weniger wie geschliffene Pop-Entwürfe, sondern wie flüchtige Skizzen einer anhaltenden emotionalen Inventur, in der sich Verlangen, Hedonismus und Bindungsangst pausenlos überlagern.
Schon im Eröffnungsstück „oh yeah?“ offenbart sich die latente Skepsis, die das gesamte Werk durchzieht: „I don’t wanna lose again / Please, I beg“, singt Lacy über flirrende Synths und sommerlich verzerrte Gitarrenakkorde. Diese ungeschützte Vulnerabilität wird rasch zur zentralen Achse der Platte. Lacy verharrt nicht in der Klage, sondern nutzt die Brüche in seiner Biographie – von der Suche nach Identität über das Verhältnis zu seinem verstorbenen Vater bis hin zu den Verunsicherungen digitaler Romantik –, um sein Klangspektrum konsequent zu erweitern.
Das Visuelle unterstreicht dieses Spannungsfeld eindringlich: Das Motiv auf der Hülle setzt den Künstler intim, aber stilisiert in Szene, gefangen in einer pink umrandeten Bullaugen-Optik. Es wirkt wie ein voyeuristischer Blick durch ein Objektiv, der die Grenze zwischen authentischer Entblößung und inszenierter Pop-Pose bewusst verwischt. Genau in dieser Reibung entfaltet die Musik ihre stärkste Wirkung.
Kollaborationen fügen sich organisch in dieses Narrativ ein. Im Duett „is it cool?“ prallt Steve Lacys melancholische Zurückhaltung auf die ungestüme Ehrlichkeit von SZA, während Erykah Badu in „pure color“ als majestätischer Gegenpol auftritt. Ihre Stimmen gleiten über düstere Trip-Hop-Bässe und schaffen eine dichte, fast hypnotische Atmosphäre. Auch die Gastbeiträge von Cecile Believe bei „lovesexdrugbomb“ unterstreichen Lacy’s Gespür für stimmliche Texturen, die seinen eigenwilligen Gitarrenmotiven eine zusätzliche Dimension verleihen.
Besonders in den rhythmischen Experimenten beweist das Album Mut zur Schärfe. Die verschachtelten Breakbeats in „nice shoes / in your world“ brechen die gewohnte R&B-Ästhetik auf und treiben das Stück in ein euphorisierendes, fast clubartiges Finale. Das abschließende „bebe“ verkehrt die scheinbare Erlösung wiederum in ein fragendes Postskriptum, das uns mit ungelösten Dissonanzen entlässt.
In der Diskografie von Steve Lacy markiert dieses Werk eine merkliche Verschiebung vom präzisen, maximalistischen Pop-Format hin zu einer offeneren, texturalen Suchbewegung. Nach den klar definierten Strukturen auf „Apollo XXI“ und der konsequenten Hit-Architektur von „Gemini Rights“ rückt nun das unfertige, sprunghafte Moment in den Mittelpunkt der ästhetischen Anordnung. Die Transformation vom schimmernden R&B-Entwurf zur psychedelisch gebrochenen Klangskizze wird hier vollends greifbar.
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