BELLA WHITE erweitert auf ihrem Album AMONG OTHER THINGS die Grenzen traditioneller Roots-Musik und vereint kanadische Herkunft mit nostalgischer Appalachen-Sonnenseite zu einer eindringlichen, gereiften Songwriting-Studie.
Wenn Bella White am Ende von „The Way I Oughta Go“ die Zeilen singt: „Dreaming never met me in Alberta / So I packed my things, Tennessee, I did go“, zieht sie keine bloße geografische Linie nach. Die Zeilen begründen eine Fluchtbewegung, die das gesamte Album durchzieht. Es ist die Bewegung einer Künstlerin, deren musikalische DNA tief in den Appalachen verwurzelt liegt, deren Songwriting sich jedoch konsequent gegen die engen Grenzen einer rein nostalgischen Bluegrass-Aufführung auflehnt. Das Cover des Albums, auf dem White in dramatischer, fast leblos inszenierter Pose auf einer Gartenliege im Gras liegt, bricht diese ländliche Authentizität auf. Die theatralische Starre des Bildes fungiert als künstlicher Schutzwall gegen die Schonungslosigkeit der Songs. Sie markiert die Distanz zwischen der inszenierten Hülle und der emotionalen Entblößung im Text.
Wo das Debütalbum „Just Like Leaving“ noch primär im traditionellen Bluegrass-Korsett verankert war, öffnet der Produzent Jonathan Wilson den klanglichen Raum für „Among Other Things“ mit spürbarer Umsicht. Die Instrumentierung verzichtet auf historisierenden Schematismus. Anstelle von reinem Banjo-Gepflücke setzen Drew Erickson’s dezente Streicherarrangements sowie subtile Orgelklänge Akzente, die der Stimme von Bella White mehr Tiefe verleihen. Gabe Noel’s feinfühliger Kontrabass und die reduzierte E-Gitarrenarbeit von Buck Meek schaffen ein Fundament, das dem Gesang maximale Wirkung zugesteht, ohne ihn akustisch zu erdrücken.
Die narrative Struktur des Albums speist sich aus der Zerrissenheit einer jungen Frau auf der Suche nach Verortung und emotionaler Beständigkeit. In „Dishes“ kulminiert diese Orientierungslosigkeit in der Beobachtung alltäglicher Verrichtungen: „I got so good at running far / From all the things that I set out to fear“. Der Gesang kippt dabei kontrolliert in ein fast jodeltöniges Phrasieren ab, welches die emotionale Instabilität der Texte klanglich spiegelt. Auch in „Marilyn“, einer Beobachtung über eine fremde, von ihrem Partner entwertete Frau, gelingt der Wechsel zwischen Empathie und Wut durch eine sorgfältig ausbalancierte Klavierbegleitung.
„Among Other Things“ verdeutlicht im Kontext der bisherigen Diskografie eine markante Transformation vom fokussierten Genre-Handwerk zur freieren Formgestaltung. Das Album bewahrt die strukturelle Stringenz der traditionellen Songformen, nutzt die veränderte Instrumentierung und die stilistische Weite jedoch zur Schärfung des eigenen musikalischen Profils.
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