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WENDY EISENBERG Bent Ring

2021

Eine karge Abkehr von vertrauten Klangräumen hüllt das Banjo in eine fast schmerzhafte Nüchternheit, während WENDY EISENBERG auf BENT RING die Mechanismen künstlerischer Selbstausbeutung mit chirurgischer Präzision seziert. Die elf Stücke verzichten konsequent auf gewohnte Harmonien und fordern durch ihre strukturelle Sprödigkeit eine unbedingte Präsenz ein, die weit über herkömmliche Singer-Songwriter-Konventionen hinausgeht.

Es beginnt mit dem Luftholen. Ein kurzes, tiefes Einziehen von Sauerstoff, das die Stille im Aufnahmeraum zerschneidet, bevor die erste Silbe von „Abide with me“ den Raum füllt. Diese Atemzüge fungieren auf dem Album nicht als bloße Vorbereitung, sondern als Marker einer physischen Präsenz, die uns in eine unbehagliche Intimität zwingt. Wo frühere Arbeiten durch eine fast manische Vielfalt an gitarristischen Texturen bestachen, herrscht hier eine asketische Reduktion vor. Die Entscheidung, die elektrische Gitarre vollständig gegen ein namenloses, spröde klingendes Tenor-Banjo einzutauschen, markiert keinen Genrewechsel zum Folk, sondern eine strategische Verknappung der Ausdrucksmittel.

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Dieses Banjo klingt nicht nach pastoraler Idylle oder Tradition. Es wirkt wie ein Fremdkörper, ein Werkzeug, das mit einer gewissen Distanz geführt wird, um die eigene Virtuosität zu sabotieren. Die Saiten klacken und schnarren, sie leisten Widerstand gegen die flüssigen Bewegungen, die man von Wendy Eisenberg gewohnt ist. Das Instrument wird zum Seismographen einer Erschöpfung, die sich durch die Pandemie-Jahre zieht. Inmitten dieser kargen Szenerie steht das Albumcover wie eine visuelle Grenzziehung: Eine unscharfe, grüne Landschaft, die durch einen fetten, roten Ring – fast wie eine digitale Fehlstelle oder ein physisches Mal – markiert wird. Es illustriert die gewollte Störung der Perspektive; die Natur ist vorhanden, aber der Blick darauf ist durch eine künstliche, beinahe gewaltsame Einrahmung gebrochen, genau wie die Lieder die Vertrautheit des Liedguts durch rhythmische Verschiebungen unterwandern.

Die Texte verlassen die illustrative Ebene und greifen die Strukturen des Kunstbetriebs direkt an. In „When I Am an Artist“ wird der Zustand des Schaffens als eine Art transzendentale Zeitdehnung beschrieben, die jedoch sofort an die Frage der Verwertbarkeit zurückgebunden ist. Es geht um die Angst, dass die Zuneigung des Umfelds an die Produktivität gekoppelt bleibt. Eisenberg seziert diese Abhängigkeit kühl: „With this sound I seize new means / Hold my tongue, make my palate clean“, heißt es in „Analogies“. Die Musik fungiert hier als Reinigungsprozess, als Versuch, sich von den Erwartungshaltungen einer Industrie zu emanzipieren, die Kunst als Ware konsumiert. Michael Cormier’s Perkussion unterstützt diesen Prozess, indem sie weniger Rhythmus vorgibt als vielmehr punktuelle Störsignale setzt, die wie das Entweichen von Dampf aus maroden Leitungen klingen.

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In „Little Love Songs“ wird der Akt des Komponierens schließlich selbst zum Thema, wobei das Genre des Liebesliedes als eine Form der Tortur begriffen wird. Die hier gewählte Restraint, die Zurückhaltung, ist kein ästhetisches Accessoire, sondern die einzige Möglichkeit, der Korrumpierung durch das Schöne zu entgehen. Es ist eine Verweigerung von Gefälligkeit, die sich bis in die Harmonik zieht. Die Stimme bleibt oft nah am Sprechgesang, fragil und doch bestimmt, während das Banjo haken schlägt. Diese Musik ist eine bewusste Positionierung gegen die Glätte der zeitgenössischen Produktion.

Die Wiederholung des Hymnus am Ende des Albums schließt keinen Kreis, sondern dokumentiert eine Verschiebung. Das Flehen um Konstanz in einer Welt, die sich durch Arbeit und Distanz permanent entzieht, bleibt im Raum stehen. Wendy Eisenberg hat mit diesem Album eine Form gefunden, die die Ambivalenz des künstlerischen Überlebens nicht nur beschreibt, sondern klanglich verkörpert. Die Schönheit, die hier entsteht, ist eine, die man sich mühsam aus dem Schweigen und der materiellen Widerständigkeit des Instruments erarbeiten muss.

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80
symbolisch
2021
Bent Ring
AW -0324- MO

Dieses Album ist innerhalb seiner Stimmung platziert und bewertet. Die folgende Auswahl zeigt Titel derselben Stimmung, die im Ranking darüber oder darunter liegen. Sie dient der Einordnung, nicht der Empfehlung.

symbolisch
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