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TOCOTRONIC Die Unendlichkeit

2018

TOCOTRONIC entwerfen auf ihrem neuen Album eine klangliche Topografie der Erinnerung. Zwischen orchestraler Weite und intimen Gitarrenmomenten gelingt der Band eine präzise Vermessung der eigenen Biografie.

Das Kindheitserinnerungen evozierende “Tapfer und grausam” beginnt mit einer fast unmerkbaren, leicht verstimmten Geige, die wie ein fernes Echo in einen Raum ragt, der eigentlich schon längst verschlossen sein sollte. Diese mikrorhythmische Unsicherheit, dieses zögerliche Anstreichen der Saiten, markiert den eigentlichen Kern der neuen Arbeit von Tocotronic. Es ist kein schwelgerischer Rückblick, sondern eine Untersuchung der Textur von Zeit. Wo frühere Werke der Band oft durch eine bewusst gewählte künstliche Distanz oder theoretische Überunterbauung glänzten, tritt hier eine klangliche Materialität an deren Stelle, die das Vergangene nicht als Narrativ, sondern als physische Erfahrung begreift.

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Diese Verschiebung hin zu einer fast schon schmerzhaften Intimität findet ihre visuelle Entsprechung in der radikalen Reduktion des Covers. Das Motiv – ein tiefschwarzer Raum, gesprenkelt mit fernen Lichtpunkten wie ein statisches Rauschen im Kosmos – fungiert als interpretativer Ankerpunkt für die gesamte Dramaturgie. Es inszeniert eine Leere, in der das Subjekt nicht verloren geht, sondern sich erst durch die Abwesenheit von Kontext selbst finden muss. Diese bewusste Künstlichkeit des “Sternenhimmels” bricht mit der musikalischen Unmittelbarkeit und problematisiert das Verhältnis zwischen dem authentischen Erleben und seiner späteren, fast schon musealen Aufbereitung.

Die strategische Setzung des Albums besteht darin, die eigene Historie als ästhetisches Material zu behandeln, ohne in die Falle der Nostalgie zu tappen. In “1993” materialisiert sich dieser Bruch in einer klanglichen Härte, die den Aufbruch aus der “Schwarzwaldhölle” weniger als Befreiung denn als notwendige Amputation beschreibt. Die Produktion von Moses Schneider unterstreicht diese Haltung, indem sie den Instrumenten eine beachtliche Körperlichkeit verleiht, die im Kontrast zu den oft sphärischen Texten steht. Wenn in “Electric Guitar” die Liebe zum Instrument als einziger Rettungsanker in der Provinz beschrieben wird, geschieht dies ohne die üblichen Rock-Gesten, sondern mit einer fast countryesken Trockenheit.

“Unwiederbringlich” markiert den strukturellen Wendepunkt, an dem die klangliche Architektur ins Sakrale kippt, um dem Tod eines Nahestehenden zu begegnen. Die Streicher fungieren hier nicht als emotionaler Verstärker, sondern als taktgebende Instanz der Vergänglichkeit. Es ist diese konsequente Verweigerung von Pathos bei gleichzeitiger maximaler emotionaler Präzision, die das Album aus der bisherigen Diskografie heraushebt. Die Band agiert hier als Chronistin ihrer eigenen Verwandlung, wobei die Musik die Funktion eines Resonanzraums übernimmt, in dem sich die Schwingungen der Jahrzehnte überlagern.

Die ästhetische Konsequenz dieser Selbstverortung zeigt sich final in der Erkenntnis, dass jede Form der Fixierung von Vergangenheit zum Scheitern verurteilt ist. In “Alles, was ich immer wollte, war alles” wird die eigene Spur aktiv verwischt: “Was ich geschrieben habe, wird jetzt ausradiert”. Diese Geste der Selbstauslöschung im Moment der größten Sichtbarkeit definiert das Album als ein System, das seine eigene Auflösung bereits mitkomponiert hat. Es bleibt die Erkenntnis einer strukturellen Grenze, an der die Erzählung des Ichs in der Unendlichkeit der Form verschwindet.

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Das quadratische Albumcover zeigt einen schwarzen Hintergrund, der mit unzähligen weißen, unscharfen Punkten übersät ist, die an ein Sternenfeld oder digitales Rauschen erinnern. Oben links steht in serifenloser, weißer Kapitalschrift der Bandname "TOCOTRONIC", unten links findet sich der Albumtitel "DIE UNENDLICHKEIT", ebenfalls in weißen Großbuchstaben über zwei Zeilen gesetzt.

Tocotronic – Die Unendlichkeit

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74
abstrakt
2018
Die Unendlichkeit
ME -0569- TS

Dieses Album ist innerhalb seiner Stimmung platziert und bewertet. Die folgende Auswahl zeigt Titel derselben Stimmung, die im Ranking darüber oder darunter liegen. Sie dient der Einordnung, nicht der Empfehlung.

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