THE NEW PORNOGRAPHERS The Former Site Of
Die melancholische Inventur einer verschwindenden Welt: THE NEW PORNOGRAPHERS sezieren auf ihrem zehnten Album THE FORMER SITE OF die Fragilität menschlicher Bindungen in Zeiten gesellschaftlicher Extremphasen. Zwischen präzisem Power-Pop und elegischer Reduktion gelingt der Band ein spätes Meisterwerk der empathischen Distanznahme.
Man könnte den dreifachen Herzschlag am Anfang von „Great Princess Story“ als bloßes Lebenszeichen missverstehen, doch in der neuen rhythmischen Ordnung von The New Pornographers fungiert er eher als Taktgeber einer kontrollierten Abwicklung. Wo früher die schiere Masse an Hooks eine euphorische Unübersichtlichkeit erzeugte, herrscht nun eine fast klinische Klarheit in der Textur. Es ist das klangliche Äquivalent zu einem geräumten Zimmer, in dem nur die Umrisse der Möbel auf dem Teppich von einer einstigen Anwesenheit zeugen.
Diese Ästhetik des Verschwindens findet ihre visuelle Entsprechung in einer Szenerie, die wie aus der Zeit gefallen wirkt: Ein Prediger, der im steigenden Wasser seiner Kirche ausharrt, oder eine Telefonzelle, die als nutzlose Skulptur in der Landschaft steht. Das Albumcover von Michael Arthur ist hier kein Beiwerk, sondern das analytische Zentrum, das die Bruchstelle zwischen musikalischer Intimität und der surrealen Überzeichnung der Außenwelt markiert. Es visualisiert den Moment, in dem das Private durch das Katastrophische unbrauchbar wird – genau dort setzen die Kompositionen von A.C. Newman an.
Der Raum in den Songs wirkt nun deutlich artikulierter, was nicht zuletzt an der Integration von Charley Drayton’s Schlagzeugspiel liegt, das den Stücken eine Erdung verleiht, die den früheren, eher flirrenden Produktionen fehlte. In „Ballad Of The Last Payphone“ weicht die gewohnte Dichte einem melancholischen Shuffle, der die Mandolinen und Slide-Gitarren nicht als Zierrat, sondern als strukturelle Skelettteile nutzt. Die Band agiert hier als ein Kollektiv der Zurückhaltung; Neko Case und Kathryn Calder setzen ihre Stimmen nicht mehr für den großen Breitwand-Effekt ein, sondern als präzise gesetzte Farbtupfer in einer ansonsten eher pastellfarbenen Umgebung.
Besonders in „Votive“ zeigt sich diese strategische Neuausrichtung, wenn sich das Stück nach einer Phase der Ruhe in einen stoischen Post-Punk verwandelt, ohne dabei die melodische Kontrolle zu verlieren. „Filling my boots with stardust / Filling my pockets up with rocks“, heißt es in „Spooky Action“, und diese Zeile beschreibt den Zustand des gesamten Albums: den Versuch, inmitten einer bleiernen Realität nach einer transzendenten Leichtigkeit zu greifen, die jedoch immer wieder an der Schwere der eigenen Existenz scheitert.
Das fast siebenminütige Titelstück am Ende fungiert schließlich als strukturelle Grenze. Wo früher ein hymnisches Finale gestanden hätte, baut sich hier eine dichte, beinahe sakrale Soundkulisse auf, die jedoch nicht erlöst, sondern einen in der Schwebe lässt. Die Bläser bäumen sich ein letztes Mal auf, aber sie verkünden keinen Sieg, sondern dokumentieren lediglich den Abschluss einer Bestandsaufnahme. Die Reduktion ist hier kein Verlust von Ambition, sondern die konsequente Form einer Reife, die sich nicht mehr hinter der eigenen Lautstärke verstecken muss.
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