The Hidden Cameras – Origin:Orphan

Seit fast zehn Jahren beglückt uns Joel Gibb mit seinen expliziten Texten, den unverkennbaren Melodien und den flächendeckenden Orchestrierungen. Hätte es demnach einen besseren Zeitpunkt für eine reifere Platte geben können als sie ‚ Origin: Orphan ‚ nun anbietet? Nach den ersten Minuten wird man bald mit dem Kopf schütteln und feststellen: Selbst wenn sich oberflächlich nicht viel verändert haben mag, schwirren dafür anfangs kaum merklich dunkle Untertöne, barocke Instrumentalisierungen und ein vornehmer Gesang durch die märchenhaften Wälder. In ihrer ersten Single ‚ In The NA ‚ stehen wir dann erstmals auch inmitten dieses gespenstischen Schauplatzes. Umgeben von merkwürdigen Kreaturen in schwarz, mit Kapuzen und Kameras ausgestattet flüchten sie bei unserem Anblick hinter schützendes Gestrüpp und es braucht schon den Gesang von Joel Gibb, um uns aus diesem Versteckspiel wieder befreien zu können.

Neben diesen Spielereien gesellen sich auch eine neue Unvollkommenheit, die Entscheidung für seltsamen Umwege und Möglichkeiten des Indie-Pops hinzu. Vielleicht mag ‚ Origin: Orphan ‚ für so machen wie eine Reise in Zeitlupe erscheinen, eine rasante Abfahrt deren Sekunden in vermeintlichen Minuten gerechnet wird. Und tatsächlich, die Hidden Cameras verzichten dieses Mal auf schnelle, fröhliche Up-Tempo-Nummern und verlieren sich dagegen viel lieber in Umarmungen der hoffnungslosen Melancholie. Dabei kreieren sie die große Popmusik in Orchester und Harmonien, gehen eine Trittfrequenz, erschaffen Formulierungen wie Morrissey und zeigen uns in aller Deutlichkeit die gebrochenen Pop-Träume von The Magnetic Fields. Wie alle diese Bands, wissen auch Sie das ein wenig Anspruch nie schaden kann. Aber die Hidden Cameras verbinden das Ganze mit einer Leichtigkeit, der grenzenlosen Liebe zu einfachen Pop-Strukturen und lassen so den Anker der Wichtigtuerei im dunklen Wasser dezent verschwinden.

Es locken stattdessen Soft Cell Klassiker wie  ‚ Do I Belong ‚, orientalische Geigen im gefühlvollen und sich langsam steigenden Aufbau des Openers und bieten neben den klassischen Rock-Themen und Melodien, „Waiting all day by the telephone/ Wondering if you’re gonna call“ mit blechernen Synthies auch die Joel Gibb’s typischen Themen der Sexualität. Dessen Einstieg in ‚ Underage ‚ erfolgt. „Let’s do it like we’re underag“ und scheint Graceland als seine Vorlage dafür verwendet zu haben. Doch am besten klingen die Hidden Cameras wenn sie der Versuchung widerstehen können, ihre wundervollen elektronischen Spielzeuge und Ihren Avant-Neigungen auf die seltsame Art einzusetzen. Denn hier entstehen fast automatisch als Folge dessen eine wunderschöne erhabene Musik, die sich klar zu den stärksten und schönsten Momenten auf ‚ Origin: Orphan ‚ zählen darf.

Besonders ‚ Colour Of A Man ‚ glänzt dadurch mit luftigen Melodien, leichten Gitarrenklängen und ergänzt die Platte auf herrliche Weise als lockere Mit-Tempo-Nummer. Kaum merklich entwickelt sich die zweite Hälfte dann schließlich in ein Gefühl der gesteigerten Dramatik und Stimmung mit würdigem Ende in ‚ Walk On ‚. Einer Mischung aus elektronischen Sounds und Spionagefilm-Atmosphäre. Zugleich gehört der abschließende Track zu den einsamsten des gesamten Albums: “And there’s nothing that I’d rather want to be than hopeless”. Das Cover zeigt uns eine Kamera, die direkt an das menschliche Gehirn verdrahtet wurde. Es ragt aus der Hirnrinde und will uns in erster Linie darauf aufmerksam machen hier eine Invasion vorzufinden, die in Ihrer Gesamtheit intimer und zielgerichteter in den Hörer eindringt und wohl auch deshalb für Xylophone und Schlittengeläute diesmal keinen Platz auf ‚ Origin: Orphan ‚ parat hält.