The Hidden Cameras – Mississauga Goddam

Den Begriff „Gay Church Folk Music“ ist etabliert, endlich. Nachdem die Hidden Cameras mit Ihrer letzten Platte ‚ The Smell Of Our Own ‚ die Revolution gestartet haben, mit den Vorurteilen der Homosexualität aufräumten und zeitlos schöne Hymnen vom Himmel griffen, steht Sänger Joel Gibb nun mit neuem Konzept auf einer hell erleuchteten Wiese bereit. Aber keine Angst, die Thematik bleibt dieselbe, einzig die Unterscheidungskraft, das wachsende Volumen der Arbeit und die intelligentere Produktion haben sich verändert. Doch soll uns der geistige Blitz in der Hälfte spalten, würden wir hier nur von der bloßen Veränderung sprechen. Es sind Verbesserungen im Songaufbau, in der Gestaltung und im Gesamtkonzept spürbar, mit unvergleichlichen Highlights in der ersten Hälfte von ‚ Mississauga Goddam ‚. Glockenspiele und Harfen sorgen wie auf dem Debüt, für einen konstant ansteigenden Lautstärkepegel während den Songs. Auch textlich bewegt sich Gibb wie immer sehr souverän, singt über die Liebe, Partnerschaft, Schuld, Scham, Krankheiten, Homosexualität, Urin und alles in diesem oder ähnlichen Zusammenhang. Der Unterschied aber, es gibt einen neuen Sinn für angenehme Schärfe.

Eine Schärfe, die perfekt mit der Amüsantheit eines typischen Hidden Cameras Albums verschmolzen wurde. Benannt wurde die Platte nach einem Staudamm in Ontario, einem kleinen Vorort von Gibb’s Heimatstadt. Und eben dieser plätschert in atemberaubenden Farben durch zuckersüße Liebeslieder wie ‚ We Oh We ‚ oder ‚ Builds To Bone ‚. Streichelt dabei sanft die umliegenden Felsen, schleift aus den Ecken und Kanten anmutige Rundungen und trällert dabei unbeschwingt seine Geschichten in die weite Welt hinaus. „I drank from the wine that came from inside/ The heart of his meat and the splurge of his sweet“, erklingt es dabei aus dem Stück ‚ That’s When the Ceremony Starts ‚ und Gibbs gesteht: „“I’m wearing my disguise/ Until I rid my life of Mississauga Goddam“. So ist das also mit dem Sänger aus Kanada, der mit jeder neuen Platte auch neue Musiker und Musikerinnen um sich schart, deren Anzahl auch gerne mal über Zwanzig steigen darf. Dieser kreative Output muss bei der Entstehung gigantisch gewesen sein, zumindest wenn man sich als Hörer an dem Endergebniss auf Platte orientiert.

Der Geruch auf ‚ Mississauga Goddam ‚ riecht auch weiterhin streng, die akustische Grundlage bleibt eine Gitarre, die einsteigenden Instrumente bilden im späteren Verlauf immer wieder die überfließende Stimmung während Gibb erneut unter Beweis stellt, das er ein Ausnahme-Songwriter und Arrangeur geworden ist. Zwar nicht erst seit diesem Werk, aber die Leistungskurve ist damit noch lange nicht am Schlusspunkt angekommen. Es fließen auch, wie schon beim Vorgänger, einige Stücke aus vergangenen Tagen ein, die damals in Selbstregie auf ‚ Ecce Homo ‚ von Gibb produziert wurden. Macht aber überhaupt nichts. Denn wer sich erst einmal von der unbeschreiblichen Stimmung hat fangen lassen, dem sind die nächsten vierzig Minuten durch nichts mehr zu entreißen. ‚ Mississauga Goddam ‚ ist ein Meisterwerk der grafischen Darstellung der Homosexualität, eine musikalische Dauererektion, deren letztes Wort natürlich von Gibb selbst stammen muss: „So he seduced me in my dream/I kissed his ugly gangly greens/he swallowed my pee“. Na dann. Wir wünschen in diesem Sinne frohes Schaffen.