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Eine künstlerische Nahaufnahme eines weit geöffneten Mundes zeigt eine Zunge, die eine transparente, schillernde Blase umschließt. Über der Illustration steht in blockhaften, rosafarbenen und beigen Buchstaben der Name Tanya Tagaq und der Albumtitel Tongues.
ALBUM

Tongues TANYA TAGAQ

2022
MSTAX ALBUMPROFIL

TANYA TAGAQ TONGUE’s bricht mit einer rohen und industriellen Klanggewalt das Schweigen über koloniale Traumata. Die Inuk-Künstlerin transformiert traditionellen Kehlkopfgesang in eine hochmoderne Waffe gegen Unterdrückung. Zwischen archaischer Kraft und elektronischer Kälte entsteht ein radikales Manifest der Selbstbehauptung.

Das Zischen eines einzelnen Konsonanten am Ende des Wortes „Teeth“ dehnt sich aus, bis es die Schärfe einer Klinge annimmt. Es ist eine mikrorhythmische Entscheidung, die Tanya Tagaq auf ihrem fünften Studioalbum „Tongues“ konsequent verfolgt: Die Sprache wird nicht mehr nur als lautmalerisches Instrument im Dienste des Kehlkopfgesangs verstanden, sondern als physisches Material, das den Raum zwischen Körper und Außenwelt besetzt. Wo frühere Arbeiten die Grenze zwischen Mensch und Tier in wortlosen Eruptionen suchten, tritt hier eine Artikulation zutage, die jedes Wort wie ein Projektil platziert. Die Stimme fungiert als funktionales Werkzeug, das sich weigert, bloße Textur zu sein.

Das Albumcover korrespondiert mit dieser anatomischen Radikalität, indem es das Organ der Sprache selbst in den Mittelpunkt rückt. Die Inszenierung der Zunge, die eine fragile Blase umschließt, visualisiert den Bruch zwischen der extremen musikalischen Intimität und der harten, fast klinischen Klarheit der Produktion. Es ist kein Porträt einer Künstlerin, sondern die Darstellung einer Funktion: Das Sprechen als biologischer und politischer Akt. Die visuelle Überzeichnung dieser Schnittstelle unterstreicht, dass die hier verhandelten Themen – der Raub der Muttersprache und die Rückeroberung der eigenen Souveränität – keine abstrakten Konzepte sind, sondern sich direkt im Fleisch manifestieren.

Produziert von Saul Williams und gemischt von Gonjasufi, bewegt sich das Album in einem industriellen Exoskelett, das die organischen Impulse der Stimme stützt und zugleich in die Enge treibt. In „Colonizer“ wird das Wort zum sibilanten Epithet degradiert, das durch ständige Wiederholung seine semantische Last entlädt und stattdessen eine rein rhythmische Bedrohung aufbaut. Die strukturelle Dichte des Albums ist im Vergleich zu Vorgängerwerken wie „Animism“ deutlich gestiegen, wobei die Reduktion auf elektronische Beats und unterkühlte Synths die vokale Präsenz isoliert. Jede Silbe in „I Forgive Me“ ist mit einer Schwere belegt, die keine Versöhnung zulässt, sondern die Grenze der Belastbarkeit der Stimme auslotet.

Die aggressive Haltung in Stücken wie „Teeth Agape“ markiert eine Verschiebung innerhalb der Diskografie hin zu einer expliziten Konfrontation. Während frühere Alben Krisen atmosphärisch umkreisten, benennt dieses Werk die Täter. „Touch my children / And my teeth welcome your windpipe“ fungiert dabei nicht als illustrative Lyrik, sondern als struktureller Anker in einem klanglichen Umfeld, das zwischen minimalistischem Trip-Hop und harscher Noise-Ästhetik pendelt. Die emotionale Steuerung erfolgt über eine strikte Dynamik, die selbst in den Momenten der Ruhe, wie im abschließenden „Earth Monster“, eine latente Unruhe bewahrt.

Gegen Ende verschiebt sich die Perspektive in eine analytische Distanz, in der die anfängliche Wut einer meditativen Strenge weicht. In „Do Not Fear Love“ werden die Atemzüge zu rhythmischen Vorgaben, die das zuvor etablierte Chaos ordnen sollen. Diese formale Beruhigung wirkt jedoch weniger wie ein Abschluss, sondern eher wie eine notwendige Konservierung von Energie. Die ursprüngliche Beobachtung der zerdehnten Konsonanten findet sich hier in einer veränderten Zurückhaltung wieder, die uns mit einer klanglichen Leere entlässt, in der das Echo der vorangegangenen Anklage weiterschwingt.

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Anspieltipps: Colonizer, Teeth Agape, Do Not Fear Love

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Bandcamp
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Basierend auf Stimmung, emotionalem Profil und Klangcharakter von „Tongues“.

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