Zwischen Eruption und Klarheit entfaltet SIGIRD auf THERE’S ALWAYS MORE THAT I COULD SAY ein Popalbum voller widersprüchlicher Energie, das Verletzlichkeit in Bewegung übersetzt und zwischen Euphorie und Müdigkeit einen neuen Ausdruck findet.
Sigrid steht an einem Punkt, an dem der Glanz ihrer frühen Erfolge nicht mehr ausreicht. Nach den hymnischen Ausbrüchen von „Sucker Punch“ und dem jugendlichen Trotz von „How to Let Go“ öffnet „There’s Always More That I Could Say“ ein Kapitel der Selbstbeobachtung. Die norwegische Musikerin, die einst mit „Don’t Kill My Vibe“ eine ganze Generation von Popminimalismus mitprägte, zieht sich hier nicht in die Stille zurück, sondern sucht im Chaos neue Form. Schon das Cover zeigt diesen inneren Widerstreit: ein Schrei, halb Befreiung, halb Überforderung, eingefroren vor türkisfarbener Fläche. Es ist ein Moment roher Körperlichkeit, der im Album weiterbebt.
„Jellyfish“ eröffnet verspielt, fast beiläufig. Der Song tanzt zwischen Schüchternheit und Gleichgültigkeit, baut auf der Spannung zwischen digitaler Präzision und menschlicher Unsicherheit. In „Fort Knox“ verwandelt Sigrid Wut in Poparchitektur. Das metallische Dröhnen, die pulsierende Basslinie, der zornige Refrain – all das formt ein Manifest der Selbstbehauptung. Wenn sie singt: „I’m gonna lock my love in a box and safeguard it like it’s Fort Knox“, klingt das weniger wie Trotz als wie Selbstschutz. Zugleich verliert sich das Album zuweilen in seiner eigenen Professionalität. Zu viele Songs tragen dieselbe DNA, dieselbe saubere Produktion, dieselben aufpolierten Beats.
„Two Years“ und „Eternal Sunshine“ zeigen, was Sigrid kann, wenn sie die Struktur öffnet: ihre Stimme als narrative Kraft, zart und kontrolliert zugleich. Gerade im Titelstück verdichtet sich der Ton des Albums – ein tastendes Geständnis, getragen vom Klavier, das weder Pathos noch Distanz sucht. Hier gelingt die Balance zwischen Reflexion und Leichtigkeit. Dazwischen schwankt die Dramaturgie: einige Tracks geraten zu poliert, zu kalkuliert in ihrer Versuchung nach Radiotauglichkeit. Trotzdem bleibt der Eindruck einer Künstlerin, die gelernt hat, nicht mehr gefallen zu müssen.
Das Album schließt mit einem Satz, der wie ein Motto klingt: „These songs don’t write themselves.“ Darin liegt der Kern dieses Werks – das Bewusstsein, dass jedes Wort, jeder Ton eine Entscheidung ist. „There’s Always More That I Could Say“ ist kein Triumphzug, sondern ein sorgfältiges Ringen mit der eigenen Sprache. Sigrid sucht weniger nach Perfektion als nach Ehrlichkeit. Und das macht dieses Album trotz seiner Unebenheiten bemerkenswert.
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