SASSY 009 lotet auf DREAMER+ die Grenze zwischen Traum und Stillstand aus und formt ein Album voller Kälte, Nähe und offener Fragen. Zwischen verzerrtem Pop, elektronischer Schwere und vereinzelten Rockmomenten entsteht ein Klangraum, der Spannung erzeugt und zugleich oft zögert.
Ein Zustand zwischen Wachsein und Abdrift bestimmt den inneren Puls dieses Albums. Die Musik bewegt sich in Räumen, in denen Konturen verschwimmen und Entscheidungen vertagt werden, bis Spannung selbst zum Thema wird. Sassy 009, das Projekt der aus Oslo stammenden Sunniva Lindgård, legt mit „Dreamer+“ ihr erstes Album vor und positioniert sich bewusst abseits der farbigeren, tanzorientierten Arbeiten früherer Jahre. Nach dem Ende der Bandphase und mehreren Veröffentlichungen, die noch stärker auf unmittelbare Popreize setzten, entsteht hier ein Werk, das Kälte zulässt und Unruhe nicht glättet.
Diese Verschiebung zeigt sich früh. „Butterflies“ eröffnet mit motorischer Energie und verfremdeten Stimmen, die weniger verführen als irritieren. Der Track formuliert ein zentrales Problem des Albums: die Spannung zwischen suggestiver Atmosphäre und Überzeichnung. Wenn die Zeile „heaven is close enough“ in digitalem Druck zerfasert, wirkt das weniger wie Transzendenz als wie ein Zuviel an Effekt. Gerade hier wird deutlich, dass „Dreamer+“ nicht immer weiß, wann Zurückhaltung stärker wäre als Steigerung. Das Albumcover greift diesen Zwiespalt auf, indem es Distanz als Selbstbild wählt. Die Figur im Raum wirkt zugleich geschützt und verloren, was die Musik spiegelt: Nähe wird behauptet, ohne je vollständig eingelöst zu werden.
Stärker sind die Momente, in denen diese Ambivalenz produktiv wird. „Someone“ hält Spannung über einen straffen Beat und ein klares melodisches Zentrum. Die Wiederholung von „I need someone who gets me“ entfaltet Wirkung, weil sie nicht aufgelöst wird. Auch „Sleepwalker’s Pendulum“ mit BEA1991 nutzt Reduktion als Stärke. Stimmen gleiten nebeneinander, ohne sich zu überdecken, und lassen emotionale Bewegung zu, ohne sie auszuformulieren. Weniger überzeugend geraten Stücke wie „Edges“ oder „In The Snow“, deren Melodien kreisen, ohne sich zu verdichten. Hier droht die konzeptuelle Offenheit in Unverbindlichkeit umzuschlagen.
Die prominenten Kollaborationen fügen sich überwiegend ein. Blood Orange verleiht „Tell Me“ zusätzliche Schwere, bleibt aber seltsam folgenlos, als würde der Song sein eigenes Gewicht scheuen. „Mirrors“ mit yunè pinku setzt auf dichte Texturen, verliert dabei Balance und überfordert die fragile Gesangslinie. Lichtblicke entstehen dort, wo das Album seine rauere Seite zulässt. „My Candle“ und „Enemy“ greifen Elemente von Shoegaze und Alternative Rock auf und verleihen dem Projekt kurzzeitig körperliche Präsenz. Der wiederholte Ruf „Are you an enemy“ funktioniert als struktureller Anker, weil er Unsicherheit nicht erklärt, sondern festschreibt.
Als Ganzes wirkt „Dreamer+“ ambitioniert und zugleich uneinheitlich. Die thematische Idee des Träumens als Verarbeitungsraum trägt über weite Strecken, wird jedoch nicht konsequent musikalisch eingelöst. Zu viele Passagen verharren im Nebel, ohne daraus Spannung zu gewinnen. Das abschließende „Ruins of a Lost Memory“ setzt mit Piano und nackter Stimme einen klaren Schlusspunkt und zeigt, welches Gewicht möglich gewesen wäre, hätte das Album häufiger diese Klarheit gesucht. „Dreamer+“ überzeugt dort, wo es Risiko zulässt und verliert an Kraft, sobald es sich in atmosphärischer Selbstgenügsamkeit einrichtet.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Bei einem Kauf erhält MariaStacks eine kleine Provision.
