ROSALÍA LUX
ROSALÍA verwebt Glauben, Schmerz und barocke Hybris zu einem monumentalen Selbstporträt: Wie LUX zwischen Oper, Sakrament und sinnlicher Selbstbefragung ein neues Kapitel der Popgeschichte aufschlägt.
„LUX“ ist kein Popalbum im üblichen Sinn, sondern eine radikale Versuchsanordnung über Glauben, Körper und weibliche Macht. ROSALÍA, längst mehr Künstlerin als Sängerin, verwandelt ihr viertes Werk in ein monumentales Ritual. Seit „El Mal Querer“ hat sie die Grenzen von Flamenco und Pop systematisch verschoben, „Motomami“ machte sie zur Ikone der digitalen Fragmentierung. Mit „LUX“ wagt sie nun das Gegenteil: ein orchestrales Werk, das klassische Formen zitiert, religiöse Symbolik auflädt und den Körper zur Bühne göttlicher Zerrissenheit erklärt.
Die Produktion mit El Guincho, James Blake, Arca und Oneohtrix Point Never gleicht einer liturgischen Messe aus Störgeräuschen, Oper, Reggaeton und sakralem Pathos. Das London Symphony Orchestra unter Simon Dobson trägt sie, als wäre sie zwischen Verdi und Björk verortet. Schon im Eröffnungsstück „Sexo, Violencia y Llantas“ legt sie ihr Programm offen: „Primero amaré el mundo y luego amaré a Dios.“ Zwischen Versuchung und Erlösung öffnet sich ein Raum, in dem Pop und Gebet dieselbe Stimme haben. „Reliquia“ verwandelt Verlust in Ritus, eine hymnische Meditation über das Reisen, Glauben, Vergessen. In „Porcelana“ bricht sie die Reinheit selbst: „Mi piel es fina, porcelana“ – ein Bekenntnis zur Zerbrechlichkeit als göttliche Qualität.
„Berghain“ mit Björk und Yves Tumor ist der Kulminationspunkt dieser Überforderung: sakrale Chöre stoßen auf elektronische Dissonanzen, während Rosalía auf Deutsch singt, bekennt, verliert. Der Club als Kathedrale, Gott als Voyeur, Lust als Sakrament. Später, in „La Rumba del Perdón“, kehrt sie zur Erde zurück, zum Vergeben, zum menschlichen Maß. „Magnolias“ beschließt das Album wie ein barockes Requiem: Sie imaginiert ihren eigenen Tod, verlangt, dass man Magnolien über ihren Sarg wirft. Der letzte Satz – „Dios desciende y yo asciendo“ – klingt wie eine Selbstvergöttlichung, aber auch wie müde Akzeptanz.
Das Cover zeigt sie in weißem Stoff, den Kopf geneigt, die Lippen vergoldet: eine Heilige ohne Kirche, eine Sünderin ohne Scham. „LUX“ ist ihr bisher kompromisslosestes Werk – prachtvoll, überladen, manchmal manieriert, aber in jeder Note getragen von einem unbestechlichen Willen zur Wahrheit. Es ist keine leichte Platte, keine schnelle Erleuchtung. Es ist ein Monument des Zweifelns, ein Werk, das Größe nicht behauptet, sondern erarbeitet.
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