RAMONES Acid Eaters
Die RAMONES wagen den psychedelischen Befreiungsschlag: eine unruhige, farbintensive Langspielplatte zwischen greller Sixties-Hommage, urbaner Überreizung, roher Direktheit und brüchiger Punk-Eigenwilligkeit.
Die neue Langspielplatte der Ramones trägt einen Titel, der bereits auf der Hülle flimmert wie ein überdrehtes Versprechen. „Acid Eaters“ eröffnet ein Feld, das tiefer zurückgreift als jede ihrer bisherigen Studioproduktionen, ein Katalog der späten Sechziger, hineingepresst in die streng getaktete Rhythmusstruktur der Band, die seit Jahren nicht mehr bloß Punk verkörpert, sondern ein eigenes Klangkorsett, dessen Direktheit inzwischen fast spröde wirkt. Die Hörerfahrung setzt unmittelbar ein: Gitarren, die nicht mehr breit ausgreifen, sondern zupackend, beinahe verkniffen agieren, abrupt abreißende Schläge im Schlagzeug, melodische Linien, die kurz aufflackern wie farbige Spiralen, bevor sie im komprimierten Arrangement wieder zusammenstürzen. Die Ramones verwalten hier ihre Herkunft, doch sie tun es ohne Nostalgie, eher mit einer nervösen Unruhe, die aus Erschöpfung, ironischer Distanz und dem Gefühl urbaner Überreizung gespeist scheint.
Man spürt in jedem Stück, wie sie die Vorlagen sezieren. „Journey to the Center of the Mind“ wird nicht ausgebreitet, sondern zusammengefaltet, „Substitute” verliert seinen Triumphzug und gewinnt einen schroffen Zug, der den Song beinahe gegen sich selbst richtet. Die Ramones erzeugen ein Spannungsverhältnis aus kontrolliertem Chaos und enger Führung, als müssten sie die Sixties neu behaupten, indem sie deren Farben durch ihren eigenen Filter jagen. Schlagzeugattacken schnellen vor, verhaken sich mit Gitarrenblitzen, die Tonspur wirkt manchmal wie eine verzerrte Bühnenenergie, die im Studio kaum Platz findet. Die psychedelisch gefärbten Passagen bleiben brüchig, nie ausufernd, eher wie wacklige Spiegelungen eines Zeitalters, das sie nicht romantisieren, sondern in ihre Gegenwart zwingen.
Ob „Acid Eaters“ eine Neuverortung bedeutet, bleibt offen. Die frühen Neunziger sind geprägt von technokratischer Nüchternheit, geopolitischer Verschiebung, einem Gefühl, dass Rebellion nur noch greift, wenn sie sich selbst reflektiert. Die Ramones scheinen das zu wissen, deshalb klingt diese Platte wie ein Versuch, inmitten administrierter Kultur Räume freizuräumen, in denen der Aufschrei noch möglich wäre. Doch die Wucht der frühen Jahre ist gebändigt, nicht tot, sondern eingehegt von Routine und der eigenen Tradition. Manchmal wirkt die Band, als kämpfe sie erschöpft weiter, manchmal blitzt ein Wille zur Neudefinition auf. „Acid Eaters“ trägt all das gleichzeitig: ein späten Aufschrei, ein Spiegel, eine Verwerfung im eigenen Fundament.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Bei einem Kauf erhält MariaStacks eine kleine Provision.
