Ein melancholischer Taumel aus analogen Gitarrenklängen bestimmt das neue Werk. OF MONTREAL brechen mit elektronischen Gewohnheiten und blicken auf schmerzhafte Weise zurück.
Die Akustikgitarre klingt trocken, fast staubig, als wäre sie in einem ungeheizten Kellerraum im Norden Vermonts viel zu lange unberührt geblieben. Es ist ein spröder, hölzerner Anschlag, der die ersten Sekunden von „Already Dreaming“ dominiert, weit entfernt von den überdrehten Synthesizer-Kaskaden, die das Klangbild der letzten Jahre prägten. Diese bewusste Reduktion, diese fast demonstrative Rückkehr zu einer analogen Intimität, markiert das Fundament, auf dem das gesamte zwanzigste Studioalbum von Of Montreal ruht. Die Songs atmen die Enge einer überstürzten räumlichen Veränderung, getragen von einer Bandbesetzung, die im Honey Jar Studio in Brooklyn die rohen Skelette der Stücke innerhalb von nur fünf Tagen einspielte, während im Hintergrund das dumpfe Grollen der U-Bahn die Aufnahmen erzittern ließ.
Es ist eine Ästhetik des ungeschminkten Rückzugs, die sich durch die Arrangements zieht. Wo frühere Veröffentlichungen wie „Freewave Lucifer f<ck f^ck f>ck“ mit manischen Stilwechseln und digitaler Hysterie überforderten, regiert auf „aethermead“ eine beinahe unheimliche klangliche Gleichförmigkeit. Kevin Barnes verzichtet auf die gewohnten, theatralischen Gesangspirouetten und verharrt stattdessen in einem matten, bisweilen resignierten Sprechgesang. Das gezeichnete Albumcover fängt diese visuelle Entfremdung perfekt ein: Ein einsames, gehörntes Fabelwesen thront isoliert über einem dichten, unüberschaubaren Dickicht, während im Verborgenen kleine Figuren am Lagerfeuer kauern. Es ist das treffende Selbstbild eines Künstlers, der die künstliche Pose des exzentrischen Pop-Phantoms abgelegt hat, um sich schutzlos der eigenen Überforderung in einer fremden Umgebung auszuliefern. Die Musik fungiert hier nicht mehr als schillernde Maskerade, sondern als zähe Dokumentation eines emotionalen Trümmerfelds.
Die thematische und strukturelle Entwicklung entfaltet sich direkt aus den Textzeilen, die weit über eine bloße Bestandsaufnahme hinausgehen und die Anatomie einer gescheiterten Dynamik sezieren. Im zart-psychedelischen „Lacan in the Family“ weichen die gewohnten intellektuellen Schutzschilde einer ernüchterten Klarheit, die den Kern der langjährigen Beziehungsschwelle markiert. Wo frühere Trennungswerke wie „Hissing Fauna, Are You the Destroyer?“ oder „Aureate Gloom“ die Demontage des privaten Glücks noch im gleißenden Licht von Funk und Glam-Rock inszenierten, regiert hier die schiere Bitterkeit des Alltäglichen. In „Listen to Music and Cry“ bricht sich diese Reue ungefiltert Bahn, wenn Barnes singt: „If I have one regret, it’s that I wasn’t more of a friend / I could have done so much better, especially towards the end.“ Es ist diese uncharakteristische Verweigerung von Ironie, die die Stücke durchzieht.
Die klanglichen Ausbrüche bleiben rar gesät und wirken dadurch umso schmerzhafter. Das nervöse, an die Velvet Underground erinnernde „Take the Form“ bricht mit schrammenden Gitarren durch die Trance, bleibt jedoch in einem starren, fast klaustrophobischen Post-Punk-Rhythmus gefangen. Die Musik verweigert die erlösende Hookline, reduziert das Tempo und verharrt in einer repetitiven Schleife. Selbst das treibende „When“, das vordergründig sexuelle Sehnsucht verhandelt, entpuppt sich als schonungslose Selbstentblößung über den moralischen Verschleiß in der Isolation einer anonymen Metropole. Drew Vandenberg’s erdige Produktion unterstützt diese Haltung, indem sie den Instrumenten wenig Raum zum Atmen lässt; alles wirkt gedrängt, nah und ungefiltert.
Die stilistische und thematische Verschiebung, die durch dieses Werk in der Bandhistorie sichtbar wird, offenbart eine radikale Absage an die eigene Unberechenbarkeit. „aethermead“ verortet sich innerhalb der Diskografie exklusiv als ein Dokument des Stillstands nach dem Exzess, eine bewusste Verlangsamung des kreativen Ausstoßes zugunsten einer fast schmerzhaften, songwriterischen Erdung. Die manische Energie, die Of Montreal über drei Jahrzehnte definierte, ist einer fast tranceartigen Nüchternheit gewichen, die das Album als das intimste, aber auch am wenigsten überraschende Kapitel einer langen, unruhigen Reise ausweist.
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