Eine Frau liegt im hellen Kleid rücklings im hohen Gras einer Wiese.
ALBUM

Wild Love NINA WINDER-LIND

2026
MSTAX ALBUMPROFIL

NINA WINDER-LIND verweigert auf ihrem Solodebüt WILD LOVE die gefällige Geste und überführt rohe feministische Dringlichkeit in eine berückende, eigenwillige Klangarchitektur. Wer polierten Pop sucht, wird hier virtuos vor den Kopf gestoßen.

Eine Frau liegt in einem hellen Kleid zusammengekauert im hohen Gras, das Gesicht der Erde zugewandt. Diese Schwarz-Weiß-Fotografie auf der Hülle verzichtet auf jede Pose der Zugänglichkeit. Sie markiert vielmehr eine bewusste Verweigerung des direkten Blicks, eine Rückzugsbewegung in die Natur, die gleichzeitig wie eine Vorbereitung auf einen plötzlichen Befreiungsschlag wirkt. Genau an diesem Schnittpunkt zwischen verletzlicher Erdung und unbändiger Entladung setzt das Werk an.

Wenn in “Street Hassle” die Flöte im Hintergrund nervös zittert, ehe das Keyboard langsam eine brüchige Akkordfolge aufbaut, kündigt sich bereits die spezifische Reibung dieses Albums an. Nina Winder-Lind nutzt die vermeintliche Zartheit der Instrumentierung nicht als Trost, sondern als Bühne für eine unnachgiebige Befragung der eigenen Existenz. Ihre Stimme fließt keineswegs geschmeidig, sie fordert Gehör mit einer Eindringlichkeit, die sich Gegenwehr ausdrücklich einpreist. Im Eröffnungsstück formuliert sie die zentrale soziale Ausgrenzung mit den Worten: “Cause if I’m not a little girl / I’m no madonna and no whore / How can I fit into this world?”

Gegenüber der ungehobelten, post-punktigen Gruppenenergie bei ihrer Stammband The New Eves verschiebt sich die Ästhetik auf diesem Solowerk spürbar. Produzent Jack Ogborne schafft in den Aufnahmeräumen unter dem Bristolianischen Club Louisiana und einer ausrangierten Kirche ein Klangbild, das Kammermusik und Indie-Rock miteinander verschränkt. Das Ensemble aus Live-Band, Bläsern, Hammondorgel und Cello wird von Mitstreiterin Ella Oona Russell stilistisch gestützt. Es ordnet sich jedoch stets dem Vokaltimbre der schwedischen Musikerin unter, deren starkes Vibrato gelegentlich an die kühle Strenge von Nico oder die Unmittelbarkeit von Amanda Palmer erinnert.

In “Girls” prallen hölzerne Posaunentöne und ein repetitives Cello auf Zeilen, die weibliche Selbstermächtigung jenseits von Sanftheitsdiktaten verorten. “I didn’t understand my power / Until I completely exploded”, heißt es dort, während die Musik zwischen Kinderlied-Skelett und abrupten E-Gitarren-Akkorden pendelt. Ähnlich bricht “Grandma & Robert De Niro” den historischen Kanon mit der spöttischen Frage auf, ob ein weiblicher Bob Dylan dieselbe Verehrung erfahren hätte. Diese lyrische Taktik zieht sich konsequent durch das Material. Sie entlarvt patriarchale Erwartungshaltungen, ohne in reine Flugblatt-Rhetorik zu verfallen.

Das abschließende “Foremothers” bündelt die verschiedenen Stränge zu einem epischen Schlusspunkt. Über einer steigenden Dynamik aus Gitarrenfeedbacks und treibendem Schlagzeug bedankt sich Winder-Lind bei ihren Ahninnen: “Mother of my mother of my mother of my mother / Don’t ever think that I’ve forgotten you!” Hier zeigt sich die Transformation innerhalb ihrer Diskografie besonders deutlich. War der Sound bei The New Eves noch stark im kollektiven Lärm verankert, wird die Intimität der Dichtung hier zum tragenden Fundament einer vielschichtigen, orchestrationellen Soloperspektive verdichtet.

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Anspieltipps: Street Hassle, Girls, Foremothers

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