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NINA HAGEN Nunsexmonkrock

1982

Eine radikale Exorzistin zwischen kosmischem Mutterstolz und hysterischem Punk-Gebet: NINA HAGEN zertrümmert auf NUNSEXMONKROCK mit operesker Urgewalt alle Erwartungen an ein konventionelles Pop-Debüt und erschafft eine verstörende wie visionäre Klangwelt.

Das erste Geräusch ist kein Instrument, sondern eine physische Grenzverschiebung. Wenn Nina Hagen in „Antiworld“ die biblische Geschichte der besessenen Schweine nicht bloß erzählt, sondern mit einer gutturalen, beinahe dämonischen Tiefe in den Raum schleudert, wird die Stimme zum eigentlichen kompositorischen Material. Diese vokale Haltung, die zwischen autoritärem Bellen und dem Flehen einer Besessenen oszilliert, markiert den Bruch mit der kontrollierten Rock-Attitüde ihrer Berliner Jahre. Es ist eine bewusste Entscheidung für die totale Entäußerung, die jede Melodie dem Rhythmus der Ekstase unterordnet.

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Die musikalische Rahmung durch Produzent Mike Thorne wirkt dabei oft wie ein kühles Skelett, an dem sich Hagen’s eruptive Performance abarbeitet. Wo früher die Nina Hagen Band für ein dichtes, deutschsprachiges Rock-Fundament sorgte, herrscht hier eine fragmentierte Ästhetik vor. Das Albumcover, das die Künstlerin in einer sakral übersteigerten Pose mit ihrer Tochter Cosma Shiva zeigt, fungiert dabei als visuelle Entsprechung dieser neuen, radikalen Subjektivität. Es ist kein bloßes Spiel mit Blasphemie, sondern die Inszenierung einer spirituellen Mutterschaft, die sich in den Songs als Mischung aus futuristischem Wiegenlied und religiösem Wahn manifestiert. Diese Pose der „Rock-Madonna“ behauptet eine Authentizität, die in der Musik durch ständige Rollenwechsel und bizarre Dialekte gleichzeitig wieder unterlaufen wird.

Strukturell bewegt sich das Werk weit abseits klassischer Songstrukturen. „Smack Jack“, die einzige Single, nutzt einen schleppenden, fast mechanischen Groove, um die Agonie der Sucht nicht zu beschreiben, sondern klanglich zu evozieren. Die Zeile „You are always running out, and you are always running short“ wird hier nicht gesungen, sondern mit einer gefährlichen Lässigkeit in den Mix geatmet, die den Song zum dunklen Zentrum der Platte macht. Ferdinand Karmelk, dessen kompositorische Handschrift hier noch spürbar ist, liefert die Vorlage für eine Auseinandersetzung mit dem Zerfall, die Hagen mit beinahe beängstigender Präzision ausdeutet.

In Stücken wie „Cosma Shiva“ oder „UFO“ kippt die Aggression in eine kindliche, fast naive Euphorie um, die jedoch durch die artifizielle Produktion von Paul Shaffer und Karl Rucker stets auf Distanz gehalten wird. Die ständigen Interpolationen von Hendrix bis Bowie wirken wie Trümmerstücke einer alten Rock-Welt, die in Hagen’s privatem Kosmos neu zusammengesetzt werden. „Born in Xixax“ treibt diese Form der narrativen Dekonstruktion auf die Spitze, wenn ein fiktiver Lebenslauf über einen harten, elektronisch anmutenden Beat deklamiert wird. Das Album endet nicht in einer Auflösung, sondern in der Behauptung einer Freiheit, die in der totalen Verweigerung von Gefälligkeit liegt.

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87
portrait
1982
Nunsexmonkrock
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Dieses Album ist innerhalb seiner Stimmung platziert und bewertet. Die folgende Auswahl zeigt Titel derselben Stimmung, die im Ranking darüber oder darunter liegen. Sie dient der Einordnung, nicht der Empfehlung.

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