METALLICA Reload
RELOAD: Zwischen Kontrolle und Überfluss. Ein spätes Echo der Neunziger, das Kraft zeigt, sich jedoch im eigenen Gewicht verliert.
Metallica veröffentlichen mit „Reload“ ein Album, das bewusst nicht als Neubeginn gedacht ist. Die Platte steht im Schatten von „Load“, entstanden aus denselben Sessions, geprägt von derselben Arbeitsweise und getragen von demselben Willen, sich nicht mehr an alten Erwartungshaltungen festzuhalten. Bob Rock hält den Raum offen, der Produktionsprozess bleibt locker, beinahe entspannt. Diese Offenheit wird zum ästhetischen Prinzip, zugleich zu einer strukturellen Schwäche. „Reload“ wirkt weniger wie ein eigenständiges Statement als wie ein Nachklang, der noch einmal alle Ideen ausbreitet, statt sie zu verdichten.
Der Auftakt mit „Fuel“ setzt ein klares Signal. Geschwindigkeit, Reiz und mechanischer Vorwärtsdrang dominieren, begleitet von Hetfield’s mantraartigem „Gimme fuel, gimme fire“. Der Song funktioniert als Energieventil, bleibt aber programmatisch. Es geht um Bewegung, nicht um Richtung. „The Memory Remains“ verlangsamt den Puls und gewinnt durch die brüchige Präsenz von Marianne Faithfull eine unerwartete Schwere. Ihr geisterhafter Gesang hebt den Song über seine simple Struktur hinaus und verleiht ihm eine Form von bitterer Eleganz, die im restlichen Album nur selten erreicht wird.
„The Unforgiven II“ greift ein bekanntes Motiv auf und verschiebt den Blickwinkel. Die Erzählung wird persönlicher, weniger mythologisch. Hetfield’s Stimme wirkt kontrollierter, beinahe abgeklärt. Diese Reife steht im Kontrast zu vielen Midtempo Stücken, die sich überlängen, ohne ihre innere Spannung zu steigern. „Devil’s Dance“, „Slither“ oder „Prince Charming“ kreisen um dunkle Bilder und groovende Riffs, verlieren sich aber letztlich in zu vielen Wiederholungen. Die Experimente mit Drehleier und Violine in „Low Man’s Lyric“ zeigen Mut zur Abweichung, zugleich auch die Distanz zur eigenen Vergangenheit. Hier spricht kein Zorn mehr, sondern Müdigkeit.
Das Artwork von Andres Serrano verstärkt diesen Eindruck. Die fließenden, organischen Strukturen aus Blut und Urin wirken wie ein abstrahiertes Inneres, warm gefärbt, zugleich abstoßend. Diese Ambivalenz spiegelt die Musik. „Reload“ ist kein leidenschaftlicher Bruch, sondern ein kontrolliertes Ausfransen. Die Band zeigt Handwerk, Erfahrung und Selbstbewusstsein. Was fehlt, ist Dringlichkeit. Am Ende bleibt ein Album, das einzelne starke Momente besitzt, sich jedoch zu selten auf den Punkt bringt.
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