MEMORIALS All Clouds Bring Not Rain
Wenn die Sonne in giftigem Gelb über dem Horizont flirrt und die Psychedelik des Alltags in motorische Ekstase umschlägt, liefern MEMORIALS mit ihrem neuen Album den passenden Soundtrack für eine Welt zwischen Traum und Erwachen.
Das Surren beginnt im Verborgenen, ein Oszillieren, das sich wie ein Fremdkörper in den Gehörgang schiebt, bevor es von einem stoischen Rhythmus domestiziert wird. Es ist diese spezifische Platzierung der analogen Synthesizer, die bei MEMORIALS nicht als dekorative Schicht fungieren, sondern als strukturelles Skelett die gesamte Komposition tragen. Wo auf dem Debüt noch die Suche nach der Form im Vordergrund stand, wirkt das neue Material auf „All Clouds Bring Not Rain“ wie eine chemische Reinigung des bisherigen Sounds. Die Texturen sind schärfer gezeichnet, die Frequenzen besetzen den Raum mit einer fast physischen Präsenz, die jede Beliebigkeit im Keim erstickt.
Dieses Spannungsverhältnis zwischen kühler Konstruktion und glühendem Kern findet seine visuelle Entsprechung in der Gestaltung des Werks. Das Albumcover, eine grob leinwandartige Malerei in beunruhigenden Gelb- und Purpurtönen, evoziert eine Endzeitstimmung, die den Bruch zwischen musikalischer Intimität und visueller Künstlichkeit radikalisiert. Während Verity Susman in „Life Could Be a Cloud“ fast beiläufig Zeilen wie „Life could be a cloud / Floating in the sky“ intoniert, wirkt die dazugehörige Optik wie die Warnung vor einer toxischen Atmosphäre. Das Cover klärt hier die Ambivalenz der Musik: Die scheinbare Leichtigkeit der Melodien ist nur die Oberfläche einer weitaus düstereren, fiebrigen Realität, die in der Abgeschiedenheit eines französischen Waldstudios ihre Form fand.
Matthew Simms, dessen Gitarrenarbeit bei Wire bereits die Kunst der Reduktion perfektionierte, treibt die Stücke hier in eine neue, fast architektonische Dichte. In „Dropped Down The Well“ schabt die Gitarre so unerbittlich gegen die Farfisa-Licks, dass die Grenze zwischen Post-Punk und Krautrock vollständig erodiert. Die Produktion, die Susman und Simms ohne externe Korrektive verantworten, setzt auf eine Dynamik, die uns in Sicherheit wiegt, nur um im nächsten Moment die rhythmische Erdung zu entziehen. Es ist eine bewusste Verweigerung von Gefälligkeit, die selbst in den ruhigen Momenten von „I Can’t See A Rainbow“ spürbar bleibt, wo das Twinkeln des Omnichords eher an eine einsame Funkstation als an ein Wiegenlied erinnert.
Gegen Ende des Albums verschieben sich die Koordinaten erneut weg von der motorischen Strenge hin zu einer fast sakralen Auflösung. „Holy Invisible“ markiert diesen Punkt, an dem die klangliche Architektur in sich zusammenzufallen scheint, um Platz für eine rohe, ungeschönte Emotionalität zu machen. Die analytische Distanz, die das Duo über weite Strecken wahrt, weicht einer Form der klanglichen Entblößung, die keine Rückschlüsse auf klassische Songstrukturen mehr zulässt. Es bleibt die Erkenntnis einer kontinuierlichen Verschiebung, die das Album als ein System aus ständiger Expansion und plötzlicher Kontraktion kennzeichnet.
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