MELODY’S ECHO CHAMBER Unclouded
UNCLOUDED von MELODY’S ECHO CHAMBER zeigt eine Künstlerin zwischen Reduktion und Rätsel: klare Konturen, feine Brüche, schweifende Stimmen. Ein Album über Gegenwart, Konzentration, Selbstbehauptung.
Melody Prochet kehrt mit „Unclouded“ an einen Punkt zurück, den ihre Diskografie immer umkreiste: die Frage, wie viel Raum psychedelischer Pop tatsächlich benötigt. Die französische Musikerin, einst mit weit verzweigten Songarchitekturen unterwegs, setzt nun auf eine auffällige Verdichtung, was keineswegs automatisch zu größerer Ausdruckskraft führt. Zwölf Stücke in knapp dreißig Minuten erzeugen einen Rhythmus, der eher flüchtig wirkt. Trotz illustrer Gäste wie Sven Wunder, Malcolm Catto, Josefin Runsteen oder Reine Fiske entsteht kein Gefühl radikaler Neuerfindung. Vielmehr gleitet die Produktion wie ein sanfter Strom dahin, mit reizvollen Details, die regelmäßig von einer wiederkehrenden ästhetischen Gleichförmigkeit überdeckt werden. Diese Spannung durchzieht das Album wie ein feiner Haarriss: punktuell faszinierend, im Gesamtverlauf erstaunlich risikoscheu.
Der Auftakt „The House That Doesn’t Exist“ zeichnet mit seinen Zeilen über ein nie existierendes Haus und „Blue shadows, view on the beach“ eine Traumkulisse, deren Transparenz zugleich Stärke und Schwäche offenbart. Die luftige Mischung aus Streicherflächen, zartem Groove und der vorsichtig schwebenden Stimme bleibt atmosphärisch überzeugend, ohne sich wirklich festzusetzen. „In the Stars“ wiederholt dieses Prinzip. Der Chorus kreist endlos um die titelgebenden Worte und spiegelt die Textzeile „Feel empty and cold“ eher unfreiwillig: ästhetisch anmutig, emotional erstaunlich weit entfernt. Sobald „Eyes Closed“ die Meeresmetaphorik weiterträgt, verschiebt sich die Aufmerksamkeit stärker auf Klangfarbe als auf motivische Entwicklung. Der Song lebt von einer feinen Bewegung zwischen Nachtbild und Aufhellung, verliert jedoch an Profil, je länger er seine eigenen Muster wiederholt.
Interessanter wird das Album in Momenten, in denen Prochet auf präzisere dramaturgische Setzungen vertraut. „Childhood Dream“ öffnet sich mit einem eleganten Wechsel zwischen zwei musikalischen Ebenen: ein kurzer Moment, der den Wunsch nach mutigerer Formgebung weckt. „Burning Man“ entfaltet seine wirkungsvollsten Sekunden über perkussive Arpeggios, die eine klar definierte Dramaturgie erzeugen. Gerade dort zeigt sich, was unter stärkerer Konzentration möglich wäre. Stattdessen verflüchtigen sich mehrere Stücke wie „Memory’s Underground“, „Flowers Turn Into Gold“ oder „Into Shadows“ binnen Sekunden in ähnlich temperierten, warm verschleierten Arrangements, die wenig Differenzierung zulassen. Die Zusammenarbeit mit Reine Fiske bleibt zwar hörbar, verliert jedoch an potenzieller Schärfe, weil seine Gitarrenlinien überwiegend dekorativ eingebettet werden.
Das Titelstück „Unclouded“ rückt schließlich einen anderen Modus ins Zentrum. Meeresrauschen, Harfenakzente, ein orchestrales Aufblühen: Prochet weitet die Perspektive und lässt einen Moment entstehender Klarheit zu. Der Eindruck hält nicht lange, stellt aber zumindest eine erkennbare Zäsur dar. Das Finale „Daisy“, gemeinsam mit Leon Michels realisiert, bringt eine melodische Offenheit zurück, die an frühere Stärke erinnert. Die Zeile „Orion looks at the shore“ zeigt erneut Prochet’s visuelle Vorstellungskraft, doch auch hier dominiert die Weichzeichnung über die Kontur. Vor diesem Hintergrund gewinnt das Albumcover an Bedeutung. Prochet steht in schwarzer Silhouette vor hellem Grund, mit Gitarre in den Händen, umrahmt von grün geschwungenen Ornamenten. Die Klarheit des Raums und die grafische Konzentration spiegeln die musikalische Idee, lassen allerdings auch die Distanz erahnen, die viele Songs hinterlassen.
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