Marisa Anderson and William Tyler – Lost Futures

Aufgenommen in MARISA ANDERSON’s Wahlheimat Portland, als die Proteste von George Floyd die Stadt in eine Brutstätte der Unruhen verwandelten, sind die scheinbar friedlichen Skizzen von LOST FUTURES von einem subtilen Gefühl des Untergangs durchdrungen.

Marisa Anderson und William Tyler fanden auf einem David Berman-Tribute-Konzert zueinander. Es ist erstaunlich, dass es so lange gedauert hat, bis diese beiden begabten und erfinderischen Musiker, denen Zusammenarbeit nicht fremd ist, sich zusammen geschlossen haben. Das Ergebnis ist vorhersehbar großartig. Beide haben ihre Wurzeln im Country, Folk und Americana. Ihre Herangehensweise ist dabei stets vom Gegenteil geprägt, was bedeutet, dass die Beiden ihre Gitarren wie Vögel umher kreisen lassen, unterstützt von manchmal sparsam eingesetzten Instrumenten – Streicher, Piano und Quijada’s (ein zu den Idiophonen gehörendes Schlaginstrument, das in der lateinamerikanischen Musik in Chile und Peru verwendet wird).

Die acht auf „Lost Futures“ präsentierten Tracks basieren auf dem Zusammenspiel von Marisa und William’s unterschiedlichen Herangehensweisen an der Gitarre, William malt oft breitere Texturen mit einer Telecaster, während Marisa’s Akustik ein- und ausgeht. Die dabei entstehende warme Resonanz und Subtilität sorgt für einen Sonnenuntergangs-Soundtrack voller Zufriedenheit. Dieser Aspekt scheint auf den ersten Blick verwunderlich, entstand das Album doch nur, weil die eigentlichen Pläne im Jahr 2020 abgesagt werden mussten. In der ersten Hälfte des Jahres 2020 wurde Portland von ökologischen und politischen Schrecken heimgesucht, wobei der Rauch von Waldbränden die Sonne blockierte und wochenlang verstörende politische Konfrontationen durch die Straßen wogen. 

Die Musik des Duos hat etwas von dieser Spannung aufgesogen, aber sie drückt sie auch aus und verwandelt diese letztlich in etwas Gutes: in einen Augenblick der aufrichtigen Zufriedenheit. Es ist eine wahre Freude diese tiefe Verbundenheit zweier Menschen zu sehen und Ihrer Musik beizuwohnen. Was für ein wunderbares Album.

7.0