LUCRECIA DALT A Danger To Ourselves
LUCRECIA DALT öffnet die Tür zum Innersten: „A DANGER TO OURSELVES verdichtet Avant-Pop, akustische Nähe und elektroakustische Halluzinationen zu einem bilingualen Psychogramm zwischen Intimität, Selbstsabotage, Horrorfilm-Glimmern und der kühlen Eleganz von David Sylvian, Juana Molina und Camille Mandoki.
Lucrecia Dalt hat sich über Jahre als Architektin eigensinniger Klangräume profiliert: vom geologischen Denken auf „Anticlines“ bis zu der außerirdischen Beobachterin auf „¡Ay!“. Das neue Album stellt diese Maskenspiele ab, richtet den Blick nach innen, ohne die formale Kühnheit abzulegen. Der Auftakt „cosa rara“ legt die Koordinaten: Handclaps, ein schlingernder Bass, dann Feedback-Splitter, später ein dubschweres Ausatmen. David Sylvian co-produziert, spricht eine kurze Passage, die den Song in ein noir schimmerndes Zwielicht kippt. Seine Präsenz strukturiert das Album, nicht als Star-Geste, sondern als präzise Schattenarbeit. Dalt schreibt und arrangiert die meisten Instrumente selbst, Alex Lázaros Percussion baut Lücken in die Sätze, in denen ihre Stimme scharf konturiert bleibt.
Die Texte verdichten persönliche Beziehungen zu mikrologischen Szenen, sie flüstert, zischt, deklamiert: „We are out of favour, a danger to ourselves“, eine Diagnose, die als Leitmotiv wiederkehrt. „caes“ mit Camille Mandoki wird zur quecksilbrigen Konfrontation. Wer hier fällt, fällt in eine Traumfalle, die Dalt mit der Zeile „Me vas a arrojar a tu pesadilla“ markiert. Die Produktion sprüht Funken: schnarrende Snares, ein abstraktes Tango-Skelett, das die Stimmen umkreist. In „divina“ wechselt die Perspektive, die Zuneigung bleibt toxisch aufgeladen, dennoch formuliert sie plötzlich einen Satz, der wie eine Kerbe im Album steht: „You are the only one I can fool death with.“ Das Stück tänzelt zwischen Pianostakkati, Fingerschnippen und einem elektronischen Hitzeflimmern, das die Sehnsucht unruhig hält.
„Hasta el final“ blüht mit Streichern auf, zugleich zucken aus dem Off Geräuschspeere, die Ballade wirkt wie ein Kammerspiel, in dem jede Zuneigung auch ein Risiko bleibt. Juana Molina bringt im sumpfig leisen „the common reader“ eine zweite Schattierung von Intimität hinein, die Musik atmet, während das Timbre beiden Stimmen einen geisterhaften Nachhall verleiht. Später knirscht „mala sangre“, „no death no danger“ staucht Bedrohung zu knappen Gesten, „covenstead blues“ schlägt am Schluss eine erschreckend direkte Bildsprache an: „May I blow you up, malignant goddess?“ – ein Satz wie ein Messerblitz. Das Cover von Yuka Fujii zeigt eine frontal ausgeleuchtete Schwarzweiß-Studie: Haare als Vorhang, Zähne als bleckendes Gestell, der Titel fragmentiert über der Haut verteilt.
Diese Bildökonomie spiegelt die Songs – Körper als Resonanzraum, Intimität ohne Schmeichelei. David Sylvian’s Art Direction hält das Ensemble streng, Heba Kadry’s Mastering konserviert jede feine Reibung. „A Danger to Ourselves“ wird dadurch weniger zur Beichte als zu einer präzisen, gefährlich ruhigen Selbsterkundung: je näher man heranrückt, desto fremder rauscht es im Innern.
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