KELLY MORAN Don’t Trust Mirrors
Zwischen Spiegeln und verzerrten Reflektionen: KELLY MORAN verschränkt auf DON’T TRUST MIRRORS Prepared Piano, Synth-Schichten und clubnahe Impulse zu einem Album, das innere Brüche hörbar macht und zugleich die fragile Schönheit des Moments bewahrt.
Kelly Moran hat in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, dass ihr Pianospiel mehr ist als bloßes Handwerk. Von „Bloodroot“ über „Ultraviolet“ bis hin zu „Moves in the Field“ entwickelte sie eine Sprache, die zwischen Ambient, zeitgenössischer Komposition und elektronischer Verfremdung oszilliert. Nun legt sie mit „Don’t Trust Mirrors“ ein Werk vor, das all diese Facetten bündelt und erweitert. Sechs Jahre nach den ersten Skizzen und nach einer pandemiebedingten Zäsur findet Moran zurück zu Prepared Piano und Synthesizer, getragen von der Idee, das eigene Selbstbild immer wieder neu durch Spiegelungen und Brechungen zu hinterfragen. „Seeing yourself through distortion and reflection“ – so beschreibt sie selbst den Kern dieses Albums, das gleichzeitig Rückschau und Neuanfang ist.
Schon der Opener „Echo in the Field“ schlägt einen hellen, rhythmisch pulsierenden Ton an, fast tanzbar, mit einer Energie, die in Katharine Antoun’s Videoclip auch visuell entladen wird. Es ist das extrovertierte Eingangstor, bevor sich die Stücke spiralförmig nach innen bewegen. „Prism Drift“ schichtet gamelanartige Figuren, deren Fluss sich immer wieder verschiebt, während „Sans Sodalis“ durch seine Kürze beinahe wie ein Zwischenspiel wirkt. Mit dem Titeltrack, einer Kollaboration mit Bibio, zeigt Kelly Moran erneut, wie wandelbar ihre Stücke sind: ein Motiv aus dem Vorgängeralbum wird transformiert, das präparierte Klavier glitzert, während aus der Ferne eine dunkle Schwere hinzutritt.
Im Mittelteil öffnet sich das Album zu ruhigeren Räumen. „Lunar Wave“ klingt wie ein schwebendes Harfenstück, „Chrysalis“ evoziert den Moment des Wandels, und „Reappearing“ bringt eine Schwere ins Spiel, die an Harold Budd erinnert. Die Dramaturgie läuft dabei gegen den üblichen Strich: statt Steigerung folgt ein Abstieg in stillere Sphären, ein Loslassen. Mit „Cathedral“ endet die Platte in Glasfarben, wie Licht, das durch hohe Fenster fällt. Das Albumcover mit seinem unscharfen, fast verzerrten Blick auf eine in Bewegung befindliche Figur verstärkt diesen Eindruck: eine fragile Gestalt zwischen Innen und Außen, die in der Bewegung ihren Halt sucht.
Dass Moran einst nächtelang zu Techno tanzte und später mit Künstler:innen wie FKA twigs oder Yves Tumor kollaborierte, hört man den Stücken an, ohne dass sie den Fokus auf Piano und Textur verliert. Die innere Spannung zwischen Club, Avantgarde und klassischem Instrument bleibt stets präsent. „Don’t Trust Mirrors“ ist so weniger ein kohärentes Monument als ein vielschichtiges Mosaik, das gerade durch seine Brüche berührt.
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