KAITLYN AURELIA SMITH The Kid
Mit THE KID entfaltet KAITLYN AURELIA SMITH ein elektronisches Konzeptalbum über den Lebenszyklus des Menschen, das zwischen mythischen Synth-Landschaften, vokaler Vielschichtigkeit und philosophischer Tiefe oszilliert.
Kaitlyn Aurelia Smith gehört zu den wenigen zeitgenössischen Künstlerinnen, die analoge Modularsysteme wie das Buchla 100 nicht als nostalgische Kuriosität, sondern als Herzstück ihres Schaffens begreifen. Schon früh, nach ihrem Studium in Berklee, begann sie damit, fremdartige Klänge aus Strom und Frequenzen zu formen, die mal an Wetterumschwünge, mal an unsichtbare Organismen erinnern. Mit „The Kid“ wagt sie nun ihr zugänglichstes Werk, das dennoch eine immense konzeptionelle Schwere trägt: Vier Kapitel eines menschlichen Lebens werden durchlaufen, von der Geburt bis zur Auseinandersetzung mit dem Tod.
Die frühen Stücke wie „I Am A Thought“ oder „An Intention“ wirken wie tastende Skizzen, flirrend und leicht entrückt. Besonders „A Kid“ entfaltet sich zu einem der Höhepunkte: Wenn der Beat plötzlich verschwindet und Smith ihre Stimme in mehreren Tonlagen gleichzeitig filtert, verwandelt sie sich in ein mehrstimmiges Organ zwischen Mensch und Maschine. Die Lyrics – „Let the kid grow for the joy of play, stop wasting your time with the good and unknown“ – verknüpfen kindliche Offenheit mit existenzieller Dringlichkeit. Mit „To Follow & Lead“ überrascht sie, indem die Rhythmen direkter, beinahe körperlich werden, während ihr Gesang eine neue Unmittelbarkeit annimmt.
Die Nähe zu Suzanne Ciani, mit der Smith bereits bei „Sunergy“ kooperierte, ist spürbar: Es schwirrt, ploppt und knistert, doch stets geordnet zu einem organischen Ganzen. Anders als Kolleginnen wie SOPHIE oder Arca sucht Smith weniger die Übersteigerung der Künstlichkeit, sondern die Rückführung elektronischer Sounds in die Natur. Ihre Stimme verschmilzt mit den Maschinen, nie dekorativ, sondern als integraler Bestandteil der Komposition. Das Cover von „The Kid“ bringt diese Idee ins Bild: Ein Gesicht, von Sternennebeln überlagert, das gleichzeitig menschlich und kosmisch wirkt.
Die glitzernden Strukturen erinnern an die gläsernen Texturen von „To Feel Your Best“, wo Smith singt: „I’m gonna wake up one day and you won’t be there… I’m gonna miss miss miss will miss your face.“ Die Konfrontation mit der Endlichkeit erscheint nicht als Bruch, sondern als fließender Teil eines Zyklus, der ebenso voller Freude wie Melancholie steckt. „The Kid“ ist ein Album, das weder Pop noch reine Avantgarde sein will. Es ist eine Zwischenwelt, mythisch, eigenwillig, manchmal sperrig, oft erhaben – ein Klanguniversum, das uns nicht bei der Hand nimmt, sondern in seine Kreise hineinzieht.
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