KAITLYN AURELIA SMITH Euclid
Mit EUCLID hebt KAITLYN AURELIA SMITH elektronische Musik aus reiner Konzeptkunst heraus und erschafft ein kaleidoskopisches Werk zwischen vokaler Intuition, modularer Synth-Magie und geometrischer Strenge, das intime Fragmente und kosmische Weite zugleich hörbar macht.
Sie gilt längst nicht mehr als Geheimtipp der experimentellen Elektronik, sondern als eine Künstlerin, die sich mit jedem Werk tiefer in ihr eigenes Klanguniversum hineinbohrt. Aufgewachsen auf einer abgeschiedenen Insel im Bundesstaat Washington, geprägt von einer intensiven Naturverbundenheit, fand Kaitlyn Aurelia Smith früh zum Buchla-Synthesizer, der bis heute ihr zentrales Werkzeug geblieben ist. „Euclid“, erschienen bei Western Vinyl, markiert dabei einen Wendepunkt: zum ersten Mal präsentiert Smith eine Doppelstruktur, die auf der einen Seite klare Songansätze wie „Careen“ oder „Sundry“ trägt, auf der anderen Seite aber in die weiträumigen „Labyrinth“-Zyklen abtaucht, die wie mathematische Skizzen vertont wirken.
Der Beginn des Albums zeigt eine Komponistin, die mit Leichtigkeit elektronische Schichtungen übereinanderlegt. „Careen“ verbindet hippieske Leichtigkeit mit schillernden Vokaleffekten, während „Wide Awake“ durch dunkler verfremdete Stimmen eine Nähe zu den radikaleren Momenten von The Knife erahnen lässt. „Sundry“ öffnet schließlich den Raum für einen spielerischen Dialog zwischen Synths und Vocals, fast so, als würden beide Elemente miteinander atmen. Im Mittelteil wechselt Smith die Perspektive: zwölf „Labyrinth“-Stücke, reduziert in ihrer Länge, aber reich an Klangdetails, entfalten sich wie einzelne Räume eines weit verzweigten Baus. Jedes Teilstück wirkt in sich geschlossen und dennoch miteinander verzahnt, wobei minimalistische Sequenzen, flirrende Arpeggien und rhythmische Verschiebungen ineinandergreifen.
Das Cover von „Euclid“ greift diese Spannung auf: geometrische Formen, überlagert von farbintensiven Strahlen, die wie klangliche Bahnen auseinanderfließen. In dieser Bildwelt spiegelt sich der musikalische Kern – der Versuch, Strenge und Freiheit, Struktur und Auflösung nebeneinander zu halten. Smith selbst beschrieb ihre Arbeit einmal als „sonic puzzles“, die sich beim Hören zu offenen Bildern formen. Genau diese Offenheit macht das Album so eigentümlich: Es verlangt kein analytisches Mitdenken, es lädt vielmehr dazu ein, sich von der Leichtigkeit tragen zu lassen. „Euclid“ ist mehr als ein Debüt im klassischen Sinn – es ist ein Statement. Kaitlyn Aurelia Smith schafft ein Gleichgewicht aus technischer Präzision, improvisatorischer Neugier und einem unerschütterlichen Sinn für klangliche Farbe.
Auch wenn manche Passagen bewusst verschwimmen und die Klarheit zugunsten der Textur geopfert wird, bleibt ein Werk zurück, das weniger auf Perfektion als auf die Faszination des Werdens setzt.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Bei einem Kauf erhält MariaStacks eine kleine Provision.
