Zwischen Wiederkehr, Verlust und Selbstbestimmung: Wie JOSIENNE CLARKE mit ONLINESS ein still leuchtendes Statement über Autonomie, Erinnerung und die Macht des eigenen Tons schafft.
„Onliness“ ist kein Rückblick, sondern eine Korrektur. Josienne Clarke kehrt nicht nostalgisch zu ihren alten Liedern zurück, sie legt sie neu frei, befreit von jeder Spur institutioneller Kontrolle. Fünf Jahre nach dem Bruch mit Rough Trade hat sie ihre Archive geöffnet und die Lieder neu aufgenommen – nicht als Geste der Sentimentalität, sondern als Versuch, Besitz über die eigene Geschichte zu erlangen. Wer ihr Schaffen seit dem Duo mit Ben Walker verfolgt hat, erkennt sofort, wie konsequent sie diesen Weg der Emanzipation geht. „No label, no musical partner, no producer“, schreibt sie heute über sich. Diese Nüchternheit ist Programm: eine Selbstermächtigung, die im Klangkörper selbst spürbar wird.
Die Eröffnung mit „The Tangled Tree“ zieht eine Linie durch zwei Jahrzehnte: aus der Jugend eines zögernden Folksongs wird eine reife Rekonstruktion mit schneidendem Gitarrensound. Clarke spielt das Instrument nun selbst, ihre Stimme trägt das Stück mit einer Ruhe, die sich wie Widerstand anfühlt. In „It Would Not Be Rose“ und „Something Familiar“ schwingt ein beinahe viktorianischer Ernst mit, ein Sinn für Zeit und Verfall, der an frühe britische Balladentraditionen erinnert. „Homemade Heartache“ wählt das Vokabular des Country, ohne sich in Genreästhetik zu verlieren. „Anyone But Me“ dagegen entlädt sich eruptiv: ein Geständnis zwischen Besitzanspruch und Selbsthass, das Clarke in ihrer neuen Version fast brutal nach vorne treibt.
Die Klangästhetik bleibt reduziert, aber nie spartanisch. Harmonium, Harfe und Saxophon flimmern wie Randlichter, während Clark’s Stimme das Zentrum hält: verletzlich, kontrolliert, unbestechlich. Diese Balance aus Distanz und Gefühl ist ihr eigentlicher Triumph. Wo frühere Produktionen oft von wohlklingender Vorsicht geprägt waren, herrscht jetzt eine trockene Klarheit, die nichts beschönigt. „Words Were Never The Answer“ schließt das Album mit einer Art Resignation, die nach Selbstkenntnis schmeckt: „Thought I could write it off, stop the sky falling – what could I control?“ Es ist der leise Höhepunkt eines Werks, das mehr Reife als Trost kennt.
„Onliness“ zeigt eine Künstlerin, die gelernt hat, dass Freiheit kein Moment ist, sondern ein andauernder Zustand aus Disziplin, Stolz und Einsamkeit.
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