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INGRID LAUBROCK Purposing The Air

2025

INGRID LAUBROCK erschafft mit PURPOSING THE AIR ein Labyrinth aus sechzig musikalischen Miniaturen. Die Kompositionen basieren auf lyrischen Fragmenten von Erica Hunt und fordern durch ihre intime Radikalität die gewohnten Hörgewohnheiten eines anspruchsvollen Publikums heraus.

Ein hölzernes Klacken, das abrupte Einatmen vor einer Silbe, die Reibung eines Bogens auf einer Saite, der nur mühsam einen Ton gebiert: Ingrid Laubrock beginnt diesen sechzigteiligen Zyklus nicht mit einer Einladung, sondern mit einer Sezierung. Die Stille zwischen den Tönen wirkt hier nicht wie ein Ruheraum, sondern wie ein unter Hochspannung stehender Leerraum, in dem jede musikalische Geste ein existenzielles Gewicht erhält. Wo frühere Arbeiten der Saxofonistin oft durch eine dichte, fast orchestrale Expansion bestachen, dominiert auf „Purposing The Air“ eine asketische Präzision, die das Material bis auf das Skelett abträgt.

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Diese Reduktion korrespondiert mit der visuellen Sprache des Albums, auf dem Arbeiter wie winzige Silhouetten auf gewaltigen, filigranen Konstruktionen balancieren. Das Bild der prekären Balance über einem nebligen Abgrund fängt die kompositorische Haltung perfekt ein: Es geht um die Behauptung von Struktur im Ungefähren. Die Protagonisten wirken in diesen Momenten weniger wie Musiker, sondern wie Statiker eines flüchtigen Augenblicks, die das Risiko des Absturzes in die totale Abstraktion in jedem Takt mit einkalkulieren.

In „Koan 43“ wird diese Statik besonders greifbar, wenn die Stimme von Fay Victor und das Cello von Mariel Roberts in eine haptische Kommunikation treten, die das Wort „Broken glass“ nicht nur besingt, sondern klanglich ausstellt. Die Lyrik fungiert hier nicht als Textgrundlage, sondern als strukturelles Hindernis, an dem sich die Melodielinien abarbeiten müssen. Ingrid Laubrock nutzt Erica Hunt’s Fragmente als rhythmische Anker, die eine „Information overload“ verhindern sollen, indem sie bewusst Raum für den ursprünglichen Gedanken lassen.

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Besonders in den Duetten von Theo Bleckmann und Ben Monder verschiebt sich die Wahrnehmung von Zeit und Raum. Wenn Bleckmann’s Obertongesang in „Koan 12“ auf Monder’s hallgepeitschte Gitarre trifft, entsteht eine elektronisch anmutende Textur, die jede Jazz-Konvention hinter sich lässt. Die Musik agiert hier als „Mood Librarian“, die Stimmungen nicht einfach archiviert, sondern in einer fast gewaltsamen Verdichtung neu ordnet. Die Stücke enden oft genau in dem Moment, in dem das Ohr beginnt, eine Form zu greifen, was die Unabgeschlossenheit des Koans radikal ernst nimmt.

Die finale Sequenz des Albums lässt die anfängliche Isolation der Stimmen in eine Form der kollektiven Distanz übergehen. Es bleibt kein auflösender Akkord, sondern die Erkenntnis einer strukturellen Verschiebung, die das Singen selbst als einen Akt der Raumvermessung begreift. Ingrid Laubrock tritt als Komponistin hinter die Ausführenden zurück und beobachtet aus einer fast klinischen Distanz, wie sich ihre präzisen Anweisungen in flüchtige Klangereignisse auflösen, die eher Fragen aufwerfen, als dass sie nach Antworten suchen würden.

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Eine historische Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt vier Bauarbeiter in schwindelerregender Höhe auf einem schmalen Metallgerüst einer Brückenkonstruktion über San Francisco. Unter ihnen erstreckt sich eine im Nebel versinkende Stadtlandschaft, während sie an einem massiven, mit Seilen umwickelten Kabel arbeiten.

Ingrid Laubrock – Purposing The Air

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86
fotografie
2025
Purposing The Air
UH -0069- BE

Dieses Album ist innerhalb seiner Stimmung platziert und bewertet. Die folgende Auswahl zeigt Titel derselben Stimmung, die im Ranking darüber oder darunter liegen. Sie dient der Einordnung, nicht der Empfehlung.

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