HATCHIE Liquorice
HATCHIE erforscht auf LIQUORICE die süßen und bitteren Schleifen des Verlangens und verwandelt Trugbilder der Liebe in schimmernde Selbstbeobachtung zwischen Rückzug, Exzess und verwaschener Romantik.
Hatchie, bürgerlich Harriette Pilbeam, öffnet mit „Liquorice“ ihr bisher widersprüchlichstes Kapitel. Nach den makellosen Pop-Fassaden von „Giving the World Away“ greift sie diesmal in die Unordnung: unpoliert, körpernah, tastend. Entstanden zwischen Brisbane, Melbourne und Los Angeles, trägt das Album Spuren von Heimstudio und Jetlag, von Müdigkeit und Lust. Produziert von Melina Duterte alias Jay Som, die den Songs ihre weiche Härte verleiht, klingt „Liquorice“ wie ein Geständnis unter geschlossenen Augen – halb Traum, halb Rückfall.
Der eröffnende Track „Anemoia“ tastet sich in jene Zwischenräume, in denen Erinnerungen und Wunschbilder verschwimmen. „Maybe the world you want has to slip away“, singt Pilbeam, als müsse man etwas verlieren, um überhaupt zu fühlen. Die Synths pulsieren wie eine zu späte Erkenntnis, während „Only One Laughing“ die vermeintliche Leichtigkeit der frühen Hatchie-Jahre unterwandert. Das Lächeln im Refrain ist ein Zucken, kein Triumph. Hinter den funkelnden Melodien lauert Selbstironie, in der sich Enttäuschung wie Humor tarnt.
„Lose It Again“ bringt die Widersprüche auf den Punkt. Der Song will groß klingen, verliert sich aber im Kreisverkehr seiner eigenen Sehnsucht. „You are the star I’m chasing“, singt sie, und der Satz kippt von Hingabe zu Erschöpfung. Diese Dialektik zieht sich durch das gesamte Album: Jede Euphorie trägt ihr Verblassen schon in sich. „Wonder“ ist zugleich Angriff und Bitte, „Anchor“ ein schwebendes Bekenntnis zur Abhängigkeit, das kaum atmen kann. Selbst das finale „Stuck“ – mit seinen treibenden Gitarren und jenem Satz „I’m still stuck with these pathetic dreams“ bleibt weniger Hymne als Erkenntnis, dass Verlangen nie ganz vergeht, nur die Form sich verändert.
Das Coverbild – ein halb verwischtes Lächeln, roter Lippenstift über der Kontur – verdichtet diese Spannung: Schönheit und Zerstörung fallen in einem Moment zusammen. Nichts wirkt inszeniert, alles wirkt bewusst belassen. „Liquorice“ zeigt Hatchie als Künstlerin, die nicht mehr gefallen will, sondern ihr eigenes Unbehagen vertont. Sie bleibt träumerisch, aber das Träumen hat Kratzer bekommen.
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