GWENIFER RAYMOND’s Debüt YOU NEVER WERE MUCH OF A DANCER: Wie ein walisischer Hinterhof voller Präparate, Saiten und Erinnerungen zur wildesten Fingerstyle-Odyssee des Jahres wird.
Kaum eine Musikerin hat sich in den letzten Jahren so kompromisslos einem Stil verschrieben, der oft nur Kennerinnen ein Begriff ist. Gwenifer Raymond, aufgewachsen in Wales, heute in Brighton beheimatet, fand ihren Weg zum American Primitive nicht über familiäre Traditionen, sondern über Umwege: Nirvana’s Version von Lead Belly’s „Where Did You Sleep Last Night“ öffnete das erste Tor, John Fahey den zweiten. Genau ihm widmet sie später ein Stück, das unmissverständlich „Requiem for John Fahey“ heißt. Doch bevor man glaubt, hier handle es sich um bloße Huldigung, ist der Bann bereits gebrochen: „Sometimes There’s Blood“ entfaltet eine fiebrige Energie, die zwischen bluegrassartigen Rhythmen und bluesgetränkter Düsternis schwankt, die Saiten schlagen Funken und der Basslauf trägt eine unterschwellige Bedrohung.
Das Coverfoto – aufgenommen von Carol White – zeigt Raymond barfuß zwischen ausgestopften Tieren, ein Zimmer wie aus einer anderen Zeit, vollgestopft mit Objekten, Spiegeln, Schatten. Dieser skurrile Raum hallt im Album wider, wenn banjogetriebene Stücke wie „Oh, Command Me Lord!“ rasen, während „Sack ’em Up, Pt. I & II“ eine fast tranceartige Zirkularität beschwört. Es ist Musik, die die Isolation der Appalachen atmet, obwohl sie aus einem britischen Wohnzimmer kommt, das eher nach viktorianischem Sammelsurium aussieht als nach Südstaatenveranda. Besonders stark sind die Kontraste: „Off to See the Hangman, Pt. I“ mit seinem arabesken Geigenspiel wirkt wie ein falscher Auftakt, um die anschließende Gitarrenattacke umso drastischer wirken zu lassen.
„Laika’s Song“ hingegen wirkt kurz, fast flüchtig, wie ein Lichtstrahl, der sich nur für Sekunden durch ein dichtes Blätterdach bricht. Die dramaturgische Spannweite ihres Spiels zeigt, dass Gwenifer Raymond weit mehr ist als eine präzise Fingerpicking-Maschine – sie verwandelt Technizität in Erzählung, Geschwindigkeit in Atem, Virtuosität in Atmosphäre. Selbst wenn die Aufnahmequalität nicht den audiophilen Standard eines Fahey oder Sandy Bull erreicht, bleibt die Intensität ungebrochen. So steht am Ende ein Debüt, das sich nicht anbiedert, sondern seinen eigenen Sog entfaltet: dunkel, rauschhaft, zugleich messerscharf strukturiert.
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