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GRACE IVES 2nd

2019

GRACE IVES erschafft mit ihrem Album 2ND eine flirrende Atmosphäre aus hyperaktiven Synthesizern und kühler Bedroom-Ästhetik. Die Künstlerin verknüpft darin nervöse Pop-Miniaturen mit einer bemerkenswerten strukturellen Strenge. Dieses Werk markiert eine eigenwillige Positionierung zwischen klanglicher Intimität und analytischer Distanz.

Auf ihrem Album “2nd” entwirft Grace Ives eine nervöse Topografie des Stillstands, die sich konsequent jeder Wellness-Ästhetik verweigert. In einer Zeit, in der elektronische Popmusik oft zwischen funktionaler Tanzbarkeit und sedierender Hintergrundbeschallung oszilliert, wählt Ives eine spröde, fast mechanische Reduktion als ordnungsstiftendes Prinzip. Die Stücke überschreiten selten die Zwei-Minuten-Marke und wirken wie klangliche Exzerpte einer permanenten inneren Unruhe.

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Diese Rastlosigkeit findet ihre visuelle Entsprechung in einer Inszenierung, die das Schlafzimmer nicht als Ort der Intimität, sondern als Kulisse einer theatralen Selbstbefragung begreift. Grace Ives blickt in einen Spiegel, der das eigene Bild nicht reflektiert, sondern als grob pixelige, gelb-leuchtende Maske verzerrt. Es ist die bewusste Entscheidung für eine künstliche Überzeichnung, die den Bruch zwischen der rohen, unmittelbaren Bedroom-Produktion und dem Wunsch nach einer glänzenden Pop-Persona markiert. Die Pose wird hier nicht als Versteck genutzt, sondern als Werkzeug, um die eigene Verletzlichkeit hinter einer grellen, fast manischen Fassade zu behaupten.

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Die Produktion agiert dabei bemerkenswert ökonomisch. Wo andere Künstlerinnen Schichten von Hall und Effekten auftürmen, um kompositorische Leerstellen zu kaschieren, lässt Ives die Drummachines hart und trocken gegen die Synthesizer-Flächen laufen. In “Butterfly” zeigt sich diese funktionale Strenge besonders deutlich, wenn die Stimme zwischen tiefem Sprechgesang und einem ätherischen Falsett wechselt, ohne dass der kühle Rhythmus an Bodenhaftung verliert. “I have been waiting for this all my life / I was a worm and now I am a butterfly”, singt sie dort und lässt die Transformation eher wie einen unvermeidbaren biologischen Prozess als wie eine euphorische Erlösung klingen.

Die Texte verbleiben in einer eigentümlichen, fast distanzierten Beobachterrolle gegenüber dem eigenen Erleben. In “Nightmare” wird die globale Katastrophe – “I had a dream that the earth was flooded” – unmittelbar mit dem banalen Konsum von Fernsehnachrichten verknüpft. Diese Verweigerung, das Existenzielle pathetisch aufzuladen, verleiht dem Album eine analytische Kälte, die im Kontrast zu den oft spielerischen Melodien steht. Ives nutzt das Format des Kurz-Pop-Songs als Laboranordnung, um Angstzustände und Alltagsbanalitäten auf ihre rhythmische Belastbarkeit zu prüfen.

Am Ende bleibt “2nd” ein System aus präzisen Fragmenten, das keine Auflösung anbietet. Die Kürze der Tracks verhindert jede Form von emotionalem Ausschwingen und zwingt zur ständigen Neuausrichtung. Die klangliche Signatur bleibt dabei so beharrlich bei sich selbst, dass die Grenze zwischen skizzenhafter Flüchtigkeit und kompositorischer Verdichtung absichtsvoll unklar bleibt.

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80
fotografie
2019
2nd
AW -0339- SI

Dieses Album ist innerhalb seiner Stimmung platziert und bewertet. Die folgende Auswahl zeigt Titel derselben Stimmung, die im Ranking darüber oder darunter liegen. Sie dient der Einordnung, nicht der Empfehlung.

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