FLYING LOTUS Cosmogramma
FLYING LOTUS entwirft mit COSMOGRAMMA eine dichte klangliche Landkarte. Die komplexe Fusion aus Jazz und Elektronik schafft eine überweltliche Atmosphäre voller Details. Steven Ellison festigt hier seinen Status als visionärer Produzent mit einer beeindruckenden ästhetischen Tiefe.
Ein kurzes, trockenes Klacken markiert den Beginn, bevor eine Harfe in „Clock Catcher“ die lineare Zeitrechnung außer Kraft setzt. Dieses Initialmoment ist keine bloße Einleitung, sondern eine mikrorhythmische Setzung, die den gesamten Verlauf von „Cosmogramma“ determiniert. Wo frühere Arbeiten von Steven Ellison noch die vertraute Schwerfälligkeit des instrumentalen Hip-Hop atmeten, agiert das neue Material mit einer nervösen, fast schon instabilen Präzision. Jede klangliche Entscheidung wirkt hier wie eine Korrektur an der Gravitation, wobei die Bassläufe von Thundercat in „Pickled!“ nicht mehr den Takt stützen, sondern ihn in Hochgeschwindigkeit zerteilen.
Die grafische Abstraktion des Covers mit seinen strahlenförmigen Linien und den um einen Fixpunkt kreisenden Sphären radikalisiert diesen musikalischen Entwurf einer „Cosmic Drama“-Deutung. Es inszeniert eine bewusste Künstlichkeit, die den Bruch zwischen der physischen Begrenztheit des Schlafzimmers, in dem die Aufnahmen entstanden, und der totalen Entgrenzung des Klangs markiert. Diese visuelle Setzung klärt die im Album angelegte Spannung: Es geht nicht um die authentische Abbildung einer Innenwelt, sondern um die Konstruktion eines technoiden Universums, das seine eigene Ordnung erst im Moment des Chaos findet. Flying Lotus nutzt diese Ästhetik, um die spirituelle Schwere der Coltrane-Tradition in eine digitale Geometrie zu übersetzen.
Nach etwa einem Viertel der Spielzeit schält sich aus den collagenhaften Fragmenten ein formales System heraus, das Jazz nicht als Zitat, sondern als strukturelle Notwendigkeit begreift. In „Zodiac Shit“ wird die Textur plötzlich weich, nur um im nächsten Moment durch glitchartige Aussetzer destabilisiert zu werden. Die Beteiligung von Thom Yorke in „…And the World Laughs with You“ ordnet sich dieser klanglichen Hierarchie unter; seine Stimme wird zum bloßen Modulator in einem dichten Netz aus Sinuswellen und statischem Rauschen.
Im weiteren Verlauf zeigt sich in „Galaxy in Janaki“ eine fast schon schmerzhafte kompositorische Dichte, die jede konventionelle Songstruktur verweigert. Die Streicherarrangements von Miguel Atwood-Ferguson fungieren dabei als kühler Kontrast zu den fiebrigen Drum-Maschinen-Salven. Das Einstiegsdetail des mechanischen Klackens kehrt in der Repetition der perkussiven Elemente in „Table Tennis“ wieder, nun jedoch als Echo einer verlorenen rhythmischen Sicherheit. Die analytische Perspektive verschiebt sich am Ende weg von der bloßen Produktion hin zu einer Form der klanglichen Trauerarbeit, die ihre Auflösung konsequent verweigert.
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