Zwischen düsterer Euphorie und kompromissloser Rave-Kultur zieht ELLEN ALLIEN auf ihrem Album NEW LIFE sämtliche Register moderner elektronischer Musik. Das Werk vereint hypnotische Techno-Impulse mit organischen Feldaufnahmen und setzt ein deutliches Zeichen für kollektiven Zusammenhalt auf der Tanzfläche.
Auf „Cruising“ legt sich eine verzerrte Synthesizer-Linie über körnige, wie durch Sand gesiebte Texturgeräusche. Dieser organische Mikrosound markiert den Ausgangspunkt einer Ästhetik, die das Mechanische mit Naturgeräuschen verschränkt. Es ist eine präzise Entscheidung: Wo der cluborientierte Techno oft auf makellose Isolation setzt, greift Ellen Allien auf Naturaufnahmen zurück, die als Fremdkörper in das klangliche System eindringen. Vogelrufe durchschneiden die nächtliche Wüstenatmosphäre in „Be Your Own Leader“, während kühle Rivulets den treibenden Rhythmus von „Bella“ unterspülen.
Die physische Blöße auf dem Cover im grellen Lichtstrahl vor der düsteren Kulisse des Ozeans fungiert hierbei als visuelle Entsprechung dieser Ästhetik. Es geht nicht um romantische Naturverbundenheit, sondern um das nackte Ausgeliefertsein und die Suche nach Schutz im Kollektiv. Die Pose inszeniert eine verletzliche Selbstbehauptung im dunklen Raum, die den Bogen von der Isolation auf der Tanzfläche zur gemeinsamen Mobilisierung schlägt.
In Stücken wie „Lights Off“ dominiert eine kantige Basslinie, die von düsteren Post-Punk- und Cold-Wave-Einflüssen zeugt. Diese dunklen Einfärbungen korrespondieren mit der Zusammenarbeit mit der italienischen Formation Ash Code und setzen einen deutlichen Kontrast zu früheren Veröffentlichungen wie „AurAA“. Auch in der Kooperation mit Apparat auf „Orchestra of Bubbles“ nutzte Ellen Allien klangliche Reibungsflächen, doch auf dem neuen Werk verdichtet sich dieser Ansatz zu einer geschlossenen Haltung.
Die vocalen Einwürfe fungieren als kühles Motiv, das sich durch die zehn Kompositionen zieht. Statt klassischer Hooks setzt das Album auf verfremdete Sprachfragmente, die wie Signale aus einer anderen Sphäre wirken. In „Steh Auf“ verbinden sich flackernde Melodielinien mit kargem Sprechgesang zu einem rousing Rave-Track, der die Tanzfläche als Raum der Befreiung und des Protests markiert. Die Stücke fordern Selbstbestimmung und kollektiven Widerstand, übersetzen diese Anliegen jedoch primär in hypnotische Rhythmen und kompromisslose Bässe.
Gegen Ende lockert sich die klangliche Dichte spürbar auf. „Mein Herz“ sticht durch eine vergleichsweise verspielte Rhythmik hervor und öffnet das ansonsten streng hypnotische Sounddesign für melodische Zugänglichkeit. Die synthetischen Oszillationen in „Riot“ greifen dagegen noch einmal die harte Percussion des Hardgroove auf, bevor das Album im abschließenden Track zur Ruhe kommt.
Auf Ebene der Diskografie markiert das Album eine deutliche Verschiebung von der verspielten Indietronica-Vergangenheit hin zu einer düsteren, politisch aufgeladenen Rave-Ästhetik. Die organischen Feldaufnahmen und Darkwave-Referenzen fügen sich in ein hochfunktionales Techno-Fundament ein, das den Fokus strikt auf die Dynamik der Tanzfläche richtet.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Bei einem Kauf erhält MariaStacks eine kleine Provision.
