DUA SALEH I SHOULD CALL THEM
Eine endzeitliche Welt versinkt in dunklen, futuristischen R&B-Klängen und elektronischen Fragmenten. Die kunstvolle Inszenierung von DUA SALEH bricht mit traditionellen Genrekonventionen und erschafft eine klaustrophobische, intime Atmosphäre voller queerer Resilienz inmitten des drohenden Untergangs.
Das rhythmische Fundament bricht mit kalkulierter Verzögerung auf. Anstelle eines klassischen, tragenden Beats setzt eine rückwärts laufende, kopfstehende Drum-Programmierung ein, die von tiefen, oszillierenden Verzerrungen durchschnitten wird. Diese mikrorhythmische Irritation im Song „Cradle“ bildet das strukturelle Zentrum einer klanglichen Haltung, die Intimität nicht durch Nähe, sondern durch bewusste Verfremdung erzeugt. Die Stimme wird hierbei nicht als natürliches Organ inszeniert, sondern konsequent durch Vocoder gejagt, fragmentiert und mittels Auto-Tune in künstliche Höhen und Tiefen verschoben. Es ist ein Verfahren der permanenten digitalen Dekonstruktion, das jede organische Gewissheit im Keim erstickt.
Diese theatralische Künstlichkeit und bewusste Überzeichnung findet ihre visuelle Entsprechung im Albumcover von Michael Cina. Die dort gezeigte maskenhafte, ölig-schwarze Silhouette mit lasergrünen Augen und gläsernen, rot lodernden Auswüchsen inszeniert das eigene Ich als außerweltliche Kunstfigur. Diese Pose bricht radikal mit der emotionalen Verwundbarkeit der Texte, da sie die schutzlose Intimität der queeren Liebeserfahrung hinter einer kühlen, alienhaften Rüstung verbirgt. Dua Saleh nutzt diese ästhetische Barriere als Schutzraum und strategische Setzung gleichermaßen. Das Bild klärt die im Album angelegte Spannung: Um die eigene, verletzliche Wahrheit in einer feindseligen Umgebung zu behaupten, bedarf es der radikalen Stilisierung.
Erst im Verlauf dieses Prozesses öffnet sich das Album „I SHOULD CALL THEM“ als zusammenhängendes, apokalyptisches Narrativ. Das dichte Geflecht aus R&B, Trap-Versatzstücken und kühlem Wave ordnet sich der elastischen Stimmführung der im Sudan geborenen und in Minneapolis aufgewachsenen Persönlichkeit unter. In „Bo Peep“ wird diese Flexibilität auf die Spitze getrieben, wenn eine fast kindliche Abzählung mit einer düsteren, schleifenden Trap-Produktion kollidiert: „All these bodies on the floor / Got me looking ’round for more“. Die Reduktion der Hooks und das bewusste Ausbremsen des Tempos verhindern jegliche Eingängigkeit und zwingen das Gehör in eine unbehagliche, dichte Atmosphäre.
Die wenigen Kollaborationen sind präzise als funktionale Kontrapunkte gesetzt. Während im orchestralen „Unruly“ die Zusammenarbeit mit dem Künstler serpentwithfeet über weiten Streichermeeren schwebt, bricht das Stück „Time & Time Again“ mit dem Gastsänger Sid Sriram die klangliche Härte merklich auf. Die Textzeile „This love that couldn’t last / Was a stone unturned“ fungiert hierbei als argumentative Achse, die das übergeordnete Thema des Albums trägt – die Suche nach Halt und Zärtlichkeit im Moment des ultimativen Zerfalls. Der von Josh Berg verantwortete Mix hält diese unterschiedlichen Dynamiken in einer bemerkenswerten Balance, indem er intime, flüsternde Passagen übergangslos in verzerrte, physisch fordernde Frequenzen überführt.
Das abschließende Stück „2excited“ führt die anfangs beobachtete, dekonstruktive Produktionsgeste schließlich in ein neues, extremes Szenario über. Die elektronische Zurückhaltung weicht im Finale einem rücksichtslosen Ausbruch, der Elemente von Black Metal mit R&B-Strukturen kurzschließt und in einem markerschütternden, physischen Schrei mündet. Es gibt hier keine versöhnliche Auflösung oder harmonische Rückführung. Die Entwicklung bleibt in einer dichten, unruhigen Schwebe, in der die Grenzen zwischen Euphorie und nackter Existenzangst vollständig verschwimmen.
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