DIE STERNE Posen
Die Hamburger Schule verlässt das Klassenzimmer: Wie DIE STERNE mit ihrem wegweisenden Album POSEN die Alltagslethargie einer ganzen Generation zwischen Diskurs-Pop und Tanzbarkeit präzise einfangen.
Das Schlagzeug stolpert nicht mehr, es federt. Es ist diese mikrorhythmische Entscheidung zum Funk, die jede Note auf dem neuen Album der Hamburger Band grundiert. Wo früher noch die spröde Verweigerung regierte, regiert jetzt eine Elastizität, die den Basslauf fast unverschämt weit nach vorne schiebt. Diese neue Geschmeidigkeit ist kein Ausverkauf, sondern eine Präzisierung der Mittel.
Inmitten dieser aufgeräumten Klanglandschaft posiert das Quartett auf dem Cover: Vier junge Männer, die fast schon aufreizend beiläufig in einer Wohnzimmer-Szenerie verharren. Die visuelle Inszenierung spielt mit der Künstlichkeit der Pose, während die Musik gleichzeitig eine neue Dringlichkeit behauptet. Es ist genau dieser Bruch zwischen der ausgestellten Lässigkeit des Bildes und der analytischen Schärfe der Texte, der das Projekt Die Sterne im Jahr 1996 so ungreifbar macht. Die Pose ist hier nicht Maskerade, sondern die einzig ehrliche Haltung gegenüber einer Welt, die ohnehin nur noch aus Oberflächen besteht.
Frank Spilker singt dazu mit einer lakonischen Beiläufigkeit, die jede Zeile wie eine beiläufige Feststellung in einer verrauchten Bar wirken lässt. Es geht um die Erschöpfung durch Möglichkeiten und die schleichende Korruption des eigenen Lebensentwurfs. Wenn es in “Themenläden” heißt: “Es gibt Themen genug in deinem eigenem Leben, und wenn sie einmal ausgehen, gibt es Themenläden”, dann ist das die Diagnose einer Gesellschaft, die Identität nur noch über Konsum und Diskurs-Versatzstücke generiert. Die Musik von Die Sterne liefert dazu den passenden, kühlen Soundtrack, der zwischen Orgel-Funk und elektronischen Tupfern oszilliert.
Die Produktion wirkt im Vergleich zu den Vorgängern seltsam luftig. Jedes Instrument hat seinen Platz, nichts wird unnötig aufgetürmt. Sogar die Gastbeiträge von Jacques Palminger an der Percussion fügen sich nahtlos in dieses System der kontrollierten Entspanntheit ein. Es ist eine funktionale Eleganz, die uns dazu zwingt, genau hinzuhören, während der Körper bereits im Rhythmus von “Was hat dich bloß so ruiniert” mitschwingt.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass diese Band ihre eigene Nische innerhalb der Hamburger Schule nicht nur besetzt, sondern gesprengt hat. Die Sterne haben ein Werk geschaffen, das die Unverbindlichkeit der Mitte der Neunziger nicht nur beschreibt, sondern formal abbildet. Die federnde Leichtigkeit des Schlagzeugs fängt die Fallhöhe der Texte immer wieder auf, ohne die darunter liegende Melancholie zu verdecken.
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