Die Nerven – Fun

Warum ich mich mit deutscher Musik und deutschen Texten so schwer tu? Ich habe keine Ahnung, nur einen leisen Verdacht. Dank den Automatismus, die ohne erkennbare willentliche Steuerung duch meine Gehirnwindungen Ihre starren Kreise stampfen, ziehen meine Gedanken bei jeder neuen deutschen Band hinüber zu den Referenzen aus England und Amerika. Das kann natürlich nicht funktionieren und lässt einen objektiven Blick bereits im Keim würdelos ersticken. Da heißt es letztlich nur üben üben üben. Eine Band die mich nun aber in den letzten Tagen ernorm für sich gewinnen konnte, nennt sich ironischerweise Die Nerven. Seit Freitag steht das neue Album ‚ Fun ‚ in den Läden und gleichzeitig gibt es auch das erste Musikvideo zur Single ‚ Eine Minute schweben ‚. Ein Titel der wahrlich die Untertreibung des Jahres sein dürfte. Denn dieser Song verspricht drei Minuten Vollgas und war zugleich für mich der Einstieg in eine neue ahnungslose Welt. „Was auch immer wir jetzt lernen/ Ist mit Sicherheit nicht wichtig“, lauten die ersten Zeilen aus dem eröffnenden Stück ‚ Albtraum ‚ und darin gefangen ist man letztlich volle 36 Minuten und sechs Sekunden lang. Es ist ein Albtraum als Traum. Ich steh morgen auf und gehen abends schlafen. Die Nerven mich gewaltig. Mit Ihren scheinbar banalen und gelangweilten Texten, den spukenden Gesängen und der existentiellen Verwirrung wandert man durch die nächtliche Parkanlage und will verdammt nochmal in Ruhe gelassen werden. Nur eine Minute schweben. Den 80er Jahre Spuk aus dem letzten Werk ‚ Fluidum ‚ abputzen und mit morbiden Garagen-Sounds weitermachen. Als zentrale Themen dienen die Langeweile, die Sehnsucht und die Angst. In ‚ Hörst du mir zu? ‚ treiben Die Nerven Ihre abrasiven Rhythmen durch flüsternde Stimmen, versuchen Sie zu ertränken und scheitern daran. ‚ Hörst du mir zu? ‚ ist wie ein altes Stück Holz, dass plötzlich gegen Ende als explosionsartiges Geschoss in die Lüfte katapultiert wird. Julian, Max und Kevin bieten eine komplette Neuauflage der alten Dinosaurier um The Jesus Lizard und Sonic Youth. Das Unbequeme und die Sperrigkeit machen die Band so verdammt interessant und begehrenswert für die eigenen Gehörgänge. ‚ Fun ‚ bietet hochkarätige Musikalität, eskalierende Riffs, komplexe Ansätze und den demonstrativen Beweis, dass komplett aus der Reihe gefallene Alben nicht nur aus dem Ausland kommen müssen. Kaufenswert!