CATE LE BON Michelangelo Dying
Zarte Nachbeben, schillernde Wunden und ein flüssiger Herzschlag: Wie CATE LE BON mit MICHELANGELO DYING Art-Pop, Verlust und intime Selbstbegegnung in ein schwebendes Klangarchiv verwandelt.
Cate Le Bon hat ihr siebtes Studioalbum nicht geplant, sondern zugelassen. „Michelangelo Dying“ entstand aus dem Versuch, einen Bruch zu umkreisen, nicht zu verdrängen. Die waliserisch-kalifornische Musikerin, die seit „Reward“ (2019) und „Pompeii“ (2022) immer mehr Kontrolle über ihre Produktionen übernommen hat, öffnet hier einen Raum für Nachhall und Selbstgespräch. Anstelle eines brüsken Neustarts fließt eine kreisende Bewegung durch die Songs, eine Art klanglicher Exorzismus. Der Albumtitel wirkt wie ein doppeltes Bild: das Pathos eines Meisterwerks, das nie vollendet wurde, und die Geste des langsamen Loslassens. Passend dazu zeigt das Cover einen orange-gelb schimmernden Stoff, Falten wie aufgeschobene Vorhänge, aus denen eine Gestalt in einem Regenmantel tritt – Le Bon selbst, spiegelnd, nackt vor der eigenen Verwandlung.
Die Stücke sind weniger Lieder als Zustände. „Jerome“ eröffnet mit Zeilen wie „Cry and find me here / I’m eating rocks“, ein Bild, das Schmerz und Selbstbehauptung zugleich markiert. „Love Unrehearsed“ lässt gebrochene Eifersucht in gläserne Synth-Flächen sinken, während „Is It Worth It (Happy Birthday)?“ den Refrain „Dig deep, are you dumb or devout?“ wie ein Mantra ins Offene stellt. Höhepunkte entstehen, wenn Le Bon Verbündete an ihre Seite ruft: John Cale schleicht sich auf „Ride“ als geisterhafter Gegenpart ein, seine Stimme ein knapper Schatten, der Le Bon’s zarte Linien verdichtet. Die Band agiert wie eine mobile Installation – Euan Hinshelwood’s saxophonische Bögen, Valentina Magaletti’s Morsecode-Drums, Paul Jones’ verhangenes Piano – alles schwingt, ohne zu verhärten.
Inhaltlich verhandelt „Michelangelo Dying“ nicht den Augenblick des Zusammenbruchs, sondern die Zeit danach, in der man sich wie in einem Raum voller Spiegel bewegt. Die Lieder erinnern an Colette Lumière’s Installation „Recently Discovered Ruins of a Dream“, die Le Bon inspirierte: Stoff, Licht, Fragment, Spiegelung. Statt dramatischer Offenbarungen gibt es wiederkehrende Motive, kleine Verschiebungen, eine „vacant mind“ wie sie es nennt. Der Hörer – oder besser: der Zeuge – wird nicht erlöst, sondern begleitet. Wo frühere Platten oft mit Ironie oder kantiger Spielfreude auftraten, lässt Le Bon hier Pausen, lässt Töne zittern, Stimmen verhallen. So entsteht eine subtile Spannung zwischen Selbstauflösung und Klarheit.
„Michelangelo Dying“ ist damit nicht nur das transparenteste Werk von Cate Le Bon, sondern auch eines ihrer radikalsten: ein Album, das Herzschmerz nicht inszeniert, sondern ausmisst. Zwischen den Falten des Covers, den Spiegelungen im Studio und den schimmernden Schichten der Produktion wächst eine stille Monumentalität, die ohne Pathos auskommt. Es ist kein Triumph, sondern eine Kartografie des Weiterlebens nach der Implosion.
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