BLUMFELD L’etat et moi
BLUMFELD zeichnen mit L’ETAT ET MOI eine unterkühlte Topografie der Vereinzelung, die durch Jochen Distelmeyer’s sezierende Texte und eine bemerkenswert dichte Gitarrenarbeit weit über herkömmliche Rockattitüden hinausreicht. Das Album etabliert eine neue Intellektualität im deutschen Pop, die private Erschütterung und gesellschaftliche Analyse ohne sentimentale Umwege in einen hochfrequenten, nervösen Klangkörper übersetzt.
Die Entscheidung ist gefallen, bevor der erste Akkord von “Draußen auf Kaution” verklingt: Dieses Werk verweigert sich jeder Kumpanei. Blumfeld setzen auf eine kühle, fast schon unheimliche Präzision in der Wortwahl, die das Private nicht mehr als Rückzugsort, sondern als Schauplatz staatlicher Zurichtung begreift. Jochen Distelmeyer singt nicht, er deklamiert mit einer Dringlichkeit, die keine emotionale Entlastung sucht. In der Mikrorhythmik seiner Zeilen spiegelt sich ein Misstrauen gegenüber der Sprache selbst, die hier als “Sprache aus Trauer” und “weltverwaltender Zustand” zugleich entlarvt wird.
Die Inszenierung auf dem Albumcover treibt dieses Spiel mit der Identität auf die Spitze, indem sie die Bandmitglieder in vielfacher, künstlich vervielfältigter Pose zeigt. Es ist eine bewusste Überzeichnung, die den Bruch zwischen der radikalen Intimität der Texte und der öffentlichen Rolle des Künstlers markiert. Diese visuelle Strategie unterstreicht die im Album angelegte Erkenntnis, dass das Subjekt längst ein “Staat im Staat in der ersten Person” ist, eine Konstruktion aus Zitaten und Rollen, die sich in Liedern wie “Ich-Wie es wirklich war” verzweifelt selbst zu buchstabieren versucht.
Musikalisch agiert das Trio mit einer bemerkenswerten ökonomischen Strenge, wobei die Gitarrenarbeit von Distelmeyer und Eike Bohlken weit mehr übernimmt als bloße Begleitfunktion. Sie fungiert als zweites, unabhängiges Sprachrohr, das in “Verstärker” bis zur Rückkopplung getrieben wird, um die Enge der geschlossenen Räume akustisch fassbar zu machen. Die Produktion von Chris Von Rautenkranz lässt dabei jedes Detail, jedes Atmen und jedes Saitenschnarren als Teil einer größeren, strategischen Setzung erscheinen.
In “Superstarfighter” versammelt sich die Hamburger Nachbarschaft um die Musiker von Tocotronic und Die Sterne zu einem Chor, der jedoch keine Gemeinschaft simuliert, sondern die Distanz nur noch schärfer konturiert. Die Zeile “In den Liedern, die du spielst, ist immer weniger von dir selber drin” fungiert hier als programmatischer Nullpunkt. Blumfeld gelingt mit diesem Album das Kunststück, die totale Entfremdung so präzise zu kartografieren, dass sie gerade dadurch eine fast schmerzhafte Intensität gewinnt.
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