BELINDA CARLISLE Once Upon a Time in California
Kalifornische Rückblende mit Glanzlichten: Wie BELINDA CARLISLE auf ONCE UPON A TIME IN CALIFORNIA Radiogold der 60er/70er Jahre in opulente Popballaden gießt, zwischen Bacharach-Schwellung, Beach-Boys-Anmutung, Nilsson-Melancholie und Coachella-Nachglanz – ein Coveralbum als biografischer Soundspiegel mit warmem Westküstenhauch.
Belinda Carlisle greift mit „Once Upon a Time in California“ tief in den Speicher der kalifornischen Radiogeschichte: KHJ, KRLA, große Melodien, große Gefühle. Die Go-Go’s-Frontfrau, die ihre Laufbahn im L.A.-Punk begann, kuratiert zehn Songs aus Kindheit und Jugend, die im Studio mit Gabe Lopez zu einer einheitlichen, glänzenden Klangsprache verbunden werden. Keine ironische Brechung, sondern üppige Streicher, sorgfältig geschichtete Backings, präzise gesetztes Schlagzeug: Retro als Gegenwartston. Gleich zu Beginn atmet „Anyone Who Had a Heart“ die Tragweite des Bacharach-Dramas, die Stimme steht hoch im Mix, kräftig ohne Dröhnen, der Chor setzt Girlanden, die den Song in Diva-Regionen tragen.
In „If You Could Read My Mind“ schiebt sich ein feiner, fast „Landslide“-artiger Gitarrenschimmer unter eine verhaltene Orchestrierung, die Zeile „If I could make a wish, I think I’d pass“ aus „The Air That I Breathe“ bekommt später ein dunkleres Glühen; Carlisle sprach über diese Nummer vom Reiz der Ambivalenz: „There’s a darkness to it that I like.“ Der Refrain – „All I need is the air that I breathe, yes, to love you“ – entfaltet sich hier wie eine Welle, die sich am Streicherufer bricht. Die Nilsson-Achse liefert zwei Ecksteine. „One“ erinnert daran, wie radikal schlicht ein Song wirken kann: „One is the loneliest number…“, dazu ein trockener Piano-Impuls, der kurz vor dem Fade eine Mini-Kadenz setzt. „Everybody’s Talkin’“ verzichtet auf brüchige Zartheit, arbeitet stattdessen mit schillernden Mehrstimmen, Roy-Orbison-Schatten, Westküstenbrise.
„Never My Love“ bekommt eine bewusst hergestellte Vokalarchitektur mit Beach-Boys-Schimmer – die Künstlerin selbst verneinte jüngst eine direkte Beach-Boys-Coveroption: „it would be impossible for me to cover a Beach Boys song. Impossible.“ Also wird die Reverenz über die Harmoniestapel gelöst, nicht über das Repertoire. „Superstar“ dreht die Carpenters-Intimität in Richtung Bond-Ballade, die Schlüssellinie „Don’t you remember? You told me you loved me, baby“ sitzt schwer im Raum, dennoch trägt die Produktion, weil die Arrangements Luft lassen, statt nur Zuckerguss zu gießen. Emotionaler Fixpunkt bleibt „Get Together“: „Come on, people now, smile on your brother…“ – ein Ruf aus einer anderen Ära, der im Jahr 2025 nicht naiv klingt, eher trotzig human.
„Reflections of My Life“ beschließt die Platte mit britischem Fernlicht, weniger spektakulär als erinnerungssatt, was die Grundidee des Albums schlüssig schließt: Radiolieder als Gedächtnisorte, neu beleuchtet von einer Stimme, die seit „Heaven Is a Place on Earth“ gelernt hat, Pathos zu kontrollieren. Nicht jede Entscheidung trägt gleich weit: „The Air That I Breathe“ überzeugt durch dramaturgische Steigerung, „Everybody’s Talkin’“ gerät mitunter zu süß, „Time in a Bottle“ gewinnt durch das Piano, verliert etwas von Croce’s kammermusikalischer Intimität. Doch die Kuratierung bleibt stringent, der Faden reißt nicht. Das Cover bindet diese Dramaturgie elegant: Abendrot über Pazifik, rostiger Saum am Horizont, Carlisle im glitzernden Kleid auf Sand, Blick zur Kamera, nicht in die Ferne.
Kein dokumentarischer Strand, wie sie erzählte, sondern die Idee vom Strand: Kalifornien als Erinnerungskulisse. Genau so funktionieren diese Versionen – nicht dokumentarisch, sondern stilisiert, warm ausgeleuchtet, mit weichem Rand. Wer Kanten sucht, landet eher bei den frühen Go-Go’s. Wer die langen Melodiebögen liebt, findet hier eine Sängerin, die ihr Register klug setzt und den Goldrand der AM-Radio-Ära in Gegenwartslicht holt.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Bei einem Kauf erhält MariaStacks eine kleine Provision.
