ALLISON RUSSELL entzieht sich auf ihrem Werk THE RETURNER mit funkigen Rhythmen und Befreiungslyrik allen Genre-Korsetts. Das Album verbindet tiefschürfende Aufarbeitung mit einer mitreißenden Feier des Lebens und der Selbstermächtigung.
Vom ersten Takt des Openers “Springtime” an löst sich die klangliche Enge. Wo das von Trauma erzählende Debüt noch in feingliedriger, akustischer Zurückhaltung verharrte, greift nun eine expansive, groovende Schlagzeugfigur Raum, getragen von spürbar gelöstem Studiogelächter und ausladenden Streicherarrangements. Die Bewegung geht unmissverständlich nach vorne, hinein in eine Tanzbarkeit, die den bisherigen Tonfall der Künstlerin nicht relativiert, sondern energetisch überschreibt.
Diese Wandlung spiegelt sich in einer visuellen Setzung wider: Das Cover inszeniert Allison Russell nicht mehr als verwundbare Erzählerin, sondern als ikonische Gestalt über aufgewühlter See. Es behauptet eine fast sakrale Erhabenheit, die das Musikalische spiegelbildlich aufgreift. Die Intimität des Fragens weicht einer opulenten Selbstbehauptung, in der die Überzeichnung des Motivs als visuelles Manifest einer gewonnenen Souveränität fungiert.
Gemeinsam mit ihrem Ehemann JT Nero sowie Drew Lindsay an der Produktion und eingespielt von einem reinen Frauenensemble rund um die Streicher-Arrangeurinnen SistaStrings versammelt das Werk eine enorm vielschichtige Klangpalette. Auf “Demons” greift ein synkopierter Basslauf die Sassy-Attitüde klassischer Vocal-Groups auf, während “Stay Right Here” mit orchestralen Disco-Arrangements und schneidenden Chören agiert. Selbst politisch aufgeladene Stücke wie “Eve Was Black” verzichten auf karge Reduktion; stattdessen legt sich ein keenendes Banjo über synkopierte Rhythmen, um geschichtliche Traumata mit einer beinahe hypnotischen Tanzbarkeit zu konfrontieren.
Aus analytischer Sicht bildet der Text des Titelstücks “The Returner” das motivische Rückgrat dieser Verwandlung. Die Zeilen „Goodbye, so long, farewell all I’ve been / throw me in the ocean, see if I can swim“ fungieren dabei nicht als Dekoration, sondern als präzise Formel für eine radikale Richtungsentscheidung. Der Song verzichtet auf melancholische Rückschau und beschwört stattdessen in Zeilen wie „I’m a summer dream, I’m a real light beam, I’m worthy / Of all the goodness and the love that the world’s gonna give to me“ eine physische Wiederaneignung des eigenen Körpers. Auch im epischen, sechstminütigen Finalstück “Requiem”, bei dem Gäste wie Brandi Carlile, Brandy Clark und Hozier einen gospelartigen Chor bilden, geht es um kollektive Heilung statt isolierten Schmerz.
Innerhalb der Diskografie markiert das Album den klaren Übergang von der biografischen Bestandsaufnahme hin zu einer expansiven, afro-amerikanischen Pop-Historie. Während frühere Arbeiten im Kollektiv Our Native Daughters oder bei Birds Of Chicago streng an die ästhetischen Codes von Folk, Bluegrass und traditionellem Americana gebunden blieben, bricht diese Veröffentlichung die engen Gattungsgrenzen konsequent auf. Der Wechsel von der intimen Solostimme zum ausladenden, von Soul, Funk und Disco geprägten Ensemblesound verschiebt den Schwerpunkt der Künstleridentität dauerhaft von der reinen Geschichtenerzählerin zur gestaltenden Bandleaderin.
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