ALISON WONDERLAND Loner
Isolation als Selbstbehauptung, elektronische Intimität als Risiko. ALISON WONDERLAND’s LONER tastet sich zwischen Bekenntnis, Kontrolle und kalkulierter Offenheit voran.
Alison Wonderland hat ihre Karriere aus einer klassischen Ausbildung heraus in eine elektronische Öffentlichkeit überführt, die Sichtbarkeit belohnt und Schonung selten kennt. Aufgewachsen in Sydney, geprägt durch das Cello und später elektrisiert durch Songs wie „Silent Shout“ von The Knife, formte Alexandra Sholler früh ein Verhältnis zu Musik als emotionalem Ventil und als Bühne. Spätestens mit ihrer Präsenz in der Dokumentation Underplayed wurde diese Doppelrolle sichtbar: Produzentin mit Reichweite, Person mit offen kommunizierten Brüchen. „Loner“, ihr drittes Studioalbum, setzt genau dort an, ohne sich mit der bloßen Wiederholung biografischer Motive zu begnügen.
Das Album eröffnet mit „Forever“ in einem Schwebezustand, der zunächst Zurückhaltung simuliert. Die Melodie gleitet weich, fast pastoral, bevor die Produktion ihre digitale Kälte freilegt. Dieser Kontrast zieht sich durch das gesamte Werk. „Safe Life“ verzahnt Zweifel und Trotz, wenn Alison Wonderland ruft „I’m not about the safe life“ und ihre Stimme zwischen Entschlossenheit und Unsicherheit pendelt. Hier zeigt sich eine Stärke des Albums: Emotionen werden nicht ausgesungen, sondern in Spannungen organisiert. Nicht jeder Track hält dieses Niveau. „Fuck U Love U“ setzt auf unmittelbare Wirkung, verliert sich stellenweise in kalkulierter Überzeichnung, während „New Day“ mit seinen Gitarrenakzenten und Bläserfarben einen vorsichtigen Hoffnungsschimmer öffnet, ohne ins Triumphale zu kippen.
In der zweiten Hälfte wird „Loner“ fragmentierter. „Eyes Closed“ beschleunigt nervös, „Bad Things“ warnt mit fast hymnischer Geste, „Fear of Dying“ formuliert existentielle Angst klarer als manche der opulenter produzierten Stücke. Das Interlude „I’m Doing Great Now Thanks“, rückwärts gesprochen, wirkt weniger als Gimmick denn als Versuch, Kontrolle über das eigene Narrativ zurückzugewinnen. Der Titelsong „Loner“ schließt das Album mit einem Bekenntnis, das nüchtern bleibt: „I’m a loner, I’m alone now, and it’s okay to cry.“ Kein Pathos, eher Akzeptanz.
Das Cover greift diese Haltung visuell auf. Das Gesicht, halb verborgen hinter Wolken, erinnert an Magritte’s Verschleierungen und übersetzt Isolation in ein Bild kontrollierter Unsichtbarkeit. „Loner“ ist kein makelloses Album. Einige Arrangements setzen zu sehr auf Effekt, manche Übergänge wirken bewusst roh. Dennoch überzeugt das Werk dort, wo es Distanz zulässt und Nähe nicht erzwingt. Alison Wonderland formuliert keine Erlösung, sondern einen Zustand. Das ist ambitioniert, manchmal sperrig, insgesamt glaubwürdig.
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