Die dichte Atmosphäre von ALEWYA’s neuem Album entfaltet eine treibende Energie aus afro-elektronischen Rhythmen und urbanen Club-Sounds, die traditionelle Wurzeln modern übersetzt.
Grobe Raster greifen ins Leere, wenn eine Veröffentlichung ihre Daseinsberechtigung aus der systematischen Dekonstruktion von Genregrenzen bezieht. Mit der EP „Panther In Mode“ installierte Alewya vor fünf Jahren eine ungezähmte, raue Klangästhetik in der britischen Alternativszene, die nun auf ihrem Debütalbum „ZERO“ eine konsequente Erweiterung erfährt. Diese Evolution vollzieht sich abseits biografischer Erzählungen als rein klangliche Schichtung. Wo die früheren Tracks primär als minimalistische Skizzen zwischen Amapiano und Dub-Basslines operierten, verlangt das neue Material nach einer umfassenderen Raumakustik. Die Entwicklung manifestiert sich in einer bewussten stilistischen Schärfung, die den Londoner Underground nicht mehr nur als Kulisse nutzt, sondern ihn direkt mit ostafrikanischen Rhythmen kreuzt.
Das visuelle Statement des Artworks verweigert sich dem klassischen Porträt und lenkt den Fokus isoliert auf den stechenden, grobkörnig gerasterten Blick der Künstlerin. Diese Inszenierung radikaler visueller Präsenz bei gleichzeitiger Anonymisierung bricht mit der gängigen Erwartungshaltung an popkulturelle Authentizität. Das Cover fungiert als visuelles Äquivalent zur Musik: Es ist eine bewusste Setzung, die Intimität behauptet, während die massive rote Farbfläche eine unüberwindbare Distanz schafft. In Stücken wie „City of Symbols“ wird genau diese Ambivalenz spürbar, wenn Perkussionistin eejebee ein polyrhythmisches Fundament legt, über dem Alewya die Ökonomisierung des urbanen Raums seziert.
Die Produktion, maßgeblich mitgestaltet von Craigie Dodds und exekutiv betreut von Drum-’n’-Bass-Ikone Shy FX, setzt auf eine kompromisslose Rhythmusarbeit. In „Selah“ verdichtet sich diese Zusammenarbeit zu einem stoisch repetitiven Club-Track, dessen Basslauf die Bewegung weg vom Kopf direkt in den Körper zwingt. Die spirituelle Dimension wird hierbei nicht als dekoratives Element missbraucht, sondern strukturell verankert. Das repetitive Moment weicht der Linearität klassischer Pop-Strukturen aus. Die Lyrics untermauern diesen Anspruch präzise, wenn die Zeilen „free by design can’t hold me across the line“ in „Lingo“ die existenzielle Verweigerung jeglicher territorialer oder sprachlicher Festlegung proklamieren.
Gelegentliche Rückfälle in vertraute Grime-Muster, etwa in „Guttah“, unterbrechen diese mühsam errichtete Eigenständigkeit kurzzeitig durch ihre allzu deutliche Nähe zu den frühen Arbeiten von M.I.A., was die ansonsten stringente Ästhetik vorübergehend strapaziert. Auch die schiere Quantität von 15 Tracks fordert ihren Tribut, da die Spannungskurve im Mittelteil durch atmosphärische Interludes an kinetischer Kraft verliert. Dennoch gelingt in den entscheidenden Momenten wie „Night Drive“ eine dichte, fast sakrale Verbindung aus traditionellem Amharisch-Gesang und kühler Club-Elektronik, unterstützt von Dagmawit Ameha.
„ZERO“ bricht die mikro-analytische Betrachtung einzelner Rhythmusstrukturen im finalen, beatlosen Titeltrack vollständig auf. Das Album verortet sich als geschlossener Gesamtkörper innerhalb der zeitgenössischen britischen Musiklandschaft und markiert eine fundamentale ästhetische Verschiebung, die die diaspora-spezifische Fragmentierung nicht mehr als Verlust, sondern als architektonisches Prinzip begreift. Diese Transformation der klanglichen Geografie formuliert sich jenseits von stilistischer Gefälligkeit als offenes System.
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