THE STROKES Angles
Melancholische Selbstverortung im Neonlicht der eigenen Vergangenheit. THE STROKES suchen auf ANGLES nach einer neuen Balance zwischen demokratischem Bandprozess und kontrollierter Handschrift. Das Ergebnis bleibt tastend und strukturell brüchig.
Die zentrale künstlerische Entscheidung von The Strokes auf „Angles“ besteht in der demonstrativen Auflösung des hierarchischen Gefüges, das ihre frühen Arbeiten geprägt hatte. Erstmals firmieren alle Stücke kollektiv als „Written and Arranged by the Strokes“. Diese Geste der Gleichverteilung ist weniger ein organisatorisches Detail als eine ästhetische Strategie: Die Band versucht, sich vom dominanten Autorenschatten Julian Casablancas’ zu lösen und die eigene Identität als Ensemble neu zu definieren.
Das Cover mit seinem geometrisch verschachtelten Kubus auf schachbrettartigem Boden spiegelt diese programmatische Neuordnung. Die Konstruktion wirkt mathematisch exakt, zugleich irritierend in ihrer perspektivischen Unschärfe. Sie suggeriert Struktur, doch die Blickachsen verschieben sich ständig. Genau diese kalkulierte Künstlichkeit prägt auch das Album: Der Anspruch auf formale Balance trifft auf hörbare Verschiebungen im inneren Gefüge.
„Under Cover of Darkness“ trägt die alte Signatur noch am deutlichsten. Die ineinandergreifenden Gitarrenlinien, der klar gesetzte Refrain, die rhythmische Stringenz – hier materialisiert sich die Idee einer selbstbewussten Rückbindung an die eigene Form. Doch dieser Rückgriff bleibt punktuell. „Two Kinds of Happiness“ und „Games“ verlagern den Schwerpunkt auf synthetische Texturen und großflächige Achtziger-Gesten. Diese Öffnung wirkt nicht wie organische Erweiterung, sondern wie additive Setzung. Die Referenzen an Tom Petty oder U2 sind weniger Transformation als Übernahme.
Die demokratische Produktionsweise hinterlässt strukturelle Spuren. Casablancas’ separat eingespielte Gesangsspuren erzeugen eine hörbare Distanz zwischen Stimme und Instrumentalgerüst. In „Metabolism“ oder „Call Me Back“ kippt das Verhältnis von Text und Musik in eine lose Koexistenz. Wenn er singt „I wanna be outrageous / But inside I know I’m plain“, artikuliert sich darin nicht nur Selbstzweifel, sondern die ästhetische Unentschlossenheit des gesamten Projekts.
„Taken For a Fool“ zeigt, dass die Band weiterhin über präzise Hook-Architektur verfügt. Der Wechsel zwischen synkopierter Strophe und direktem Refrain funktioniert, weil er auf klarer Binnenlogik basiert. Solche Momente bleiben jedoch isoliert. Das Album bewegt sich zwischen Garage-Revisionismus, New-Wave-Reminiszenz und Classic-Rock-Anleihen, ohne diese Koordinaten in eine konsistente Haltung zu überführen.
Im Verhältnis zur bisherigen Diskografie markiert „Angles“ keinen Bruch, sondern eine vorsichtige Selbstkorrektur. Die gewählte Gleichverteilung von Autorenschaft erzeugt Vielfalt, zugleich unterminiert sie die bündelnde Kraft, die The Strokes einst definierte. Die strategische Öffnung bleibt ästhetisch nur teilweise eingelöst.
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