JOSIENNE CLARKE In All Weather
Zwischen Sturm, Selbstbehauptung und stiller Klarheit wie JOSIENNE CLARKE auf IN ALL WEATHER das Ende einer Ära in poetische Selbstfindung verwandelt und den Folk zu einem Ort radikaler Intimität formt.
Josienne Clarke steht an einem Wendepunkt, den man auf „In All Weather“ in jeder Note spürt. Nach Jahren im Duo mit Ben Walker, nach Tourneen mit Richard Thompson und Robert Plant, zieht sie sich zurück auf die Isle of Bute – geografisch wie emotional eine Insel der Selbstbehauptung. Hier entstehen dreizehn Lieder, die das Ende einer toxischen Bindung in stille, präzise formulierte Beobachtungen verwandeln. Clarke schreibt, spielt, produziert. Kein großes Arrangement schützt mehr vor der Nacktheit ihrer Texte. Die Gitarren klingen wie offene Wunden, das Schlagzeug wirkt wie ein Atemzug, die Harfe bringt Licht, wo zuvor nur Nebel war.
Der Opener „(Learning To Sail) In All Weather“ gibt den Ton vor: „Cruel and random love, life is cruel.“ Kein Pathos, nur Klarheit. Diese Haltung zieht sich durch das gesamte Album. „Leaving London“ wird zum Abschiedslied an die Stadt, an die Bühne, an das alte Selbst. „If I Didn’t Mind“ ist eine der schärfsten Auseinandersetzungen mit emotionaler Manipulation, die das Genre seit langem gehört hat – „You’ve got your problems, but I’m the one that needs to change“. Clarke singt es mit kühler Ruhe, fast klinisch, und genau darin liegt ihre Stärke. Wo frühere Platten romantische Ornamentik suchten, herrscht hier Verzicht. Die Lieder sind kurz, fast skizzenhaft, doch jedes trägt Gewicht.
„Host“ steigert sich in verzerrte Gitarren und rauschende Frequenzen, eine klanggewordene kognitive Dissonanz. „Slender, Sad & Sentimental“ öffnet kurz das Fenster zu Pop und Selbstironie, bevor Dark Cloud die Reise schließt: kein Triumph, eher die nüchterne Akzeptanz, dass Einsamkeit nicht das Gegenteil von Freiheit ist. Das Cover zeigt Clarke am Meer, Wind im Haar, Holzpfähle ragen wie die Überreste einer alten Brücke ins Wasser. Dieses Bild spiegelt die Musik präzise: brüchig, aufrecht, gegen die Strömung gerichtet. „In All Weather“ ist kein Trostalbum, sondern ein Protokoll des Überlebens. Ein Werk, das nicht versöhnen will, sondern verstehen.
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