NOVA TWINS Parasites & Butterflies
Zwischen Bass-Gewitter, Pop-Instinkt und verletzter Stärke: Warum PARASITES & BUTTERFLIES der NOVA TWINS die Spannungen aus Erfolg, Druck, Wut, Eleganz und futuristischem Bass in ein wuchtiges, genreübergreifendes Alt-Rock-Statement verwandelt, das Chaos und Schönheit gleichermaßen hörbar macht.
„Parasites & Butterflies“ beginnt wie eine Selbstbefragung nach einem Raketenstart. Nach dem Debüt „Who Are The Girls?“ als Kampfansage und „Supernova“ als Triumph spürt das Londoner Duo den Schattenseiten des Höhenflugs nach: Tour-Ermüdung, Erwartungshaltung, der Blick in den Spiegel. Amy Love und Georgia South antworten mit einem dritten Album, das Kontraste schärft, statt sie zu glätten. In „Glory“ öffnen sich opernhafte Höhen, ein feierlicher Refrain, der das Motiv von Last und Erlösung skizziert: „The weight of your crown, buried deep in the ground“ – eine Zeile, die das Grundthema benennt, Krone als Bürde, Ruhm als Gewicht. Georgia South’s Bass bleibt dabei das dramaturgische Instrument dieser Band: mal grollend und klebrig verzerrt, mal scharf, fast synthetisch, wie ein kalter Laserstrahl, der die Songstruktur aufschneidet.
Zwischen Grenzüberschreitung und Pop-Instinkt baut das Duo an Hymnen, die tänzeln, treten, funken. „Soprano“ artikuliert Weiblichkeit als Machtressource, die Stimme springt von tiefem Croak zu funkelnden Spitzen, ohne in Show zu kippen. „Drip“ spielt mit Besitz, Lust, materieller Selbstermächtigung, die Strophen zischen, der Beat staucht sich, das Stück bleibt trotz Debatten über die Hook ein Moment der Attitüde. „Monsters“ zieht Drum’n’Bass-Raserei und Industrial-Flirren in eine große, schillernde Refrainkurve; „N.O.V.A“ liefert die ruppige Mitsing-Parole, die den Moshpit wie eine Druckwelle anschiebt. Wer Nova Twins nur auf maximalen Swagger festnageln will, hört hier eine erweiterte Palette: „Hummingbird“ schält Trauer in fast balladesker Ruhe heraus, kontrolliert, seidig, ohne Pathos. In „Sandman“ tastet sich die Band an Dubstep-Ästhetiken, setzt knarzende Drops als dramaturgische Reizpunkte.
Nicht jeder Wurf trifft auf Anhieb, doch gerade die riskanten Kanten verleihen der Platte Charakter. Zum Schluss spannt „Hurricane“ das Selbstbekenntnis auf, militärisches Stakkato in den Drums, Entschlossenheit in der Kehle: „Keep the pressure on, ’cause we ain’t going nowhere.“ „Black Roses“ kontert mit giftiger Eleganz und einer sardonischen Erotik: „So deadly, pure poison“ – Liebe als Dornengarten, Verletzlichkeit als kalkulierter Stich. Genau hier greift das Coverbild: zwei Frauenkörper vor kaltem Licht, das Wasser als Spiegel, Schwärme dunkler Schmetterlinge, die wie Gedanken, Zweifel, Schutzgeister kreisen. Der doppelte Blick – nach außen, nach innen – trifft die Musik im Moment des Übergangs, denn die Songs balancieren zwischen Attacke und Anmut, zwischen Klingen und Seide.
Produzent Rich Costey rahmt das alles mit Klarheit und Wucht, so bleibt Raum für Georgia South’s Pedal-Hexerei und Amy’s farbreiche Stimme, die von opernhaftem Glanz bis zur ruppigen Sprechattacke jede Zone markiert. Entstanden ist ein Album, das die eigene Persona demontiert, um sie neu zusammenzusetzen: weniger Pose, mehr Kontur, weiterhin tanzbar, doch mit fühlbaren Rissen im Lack. Aus dem Strudel aus Erwartungen, Interviews, Preisen und Tourterminen entsteht ein Werk, das die Fragen nicht umgeht, sondern mit Bassdruck in greifbare Energie verwandelt. Chaos und Schönheit, wieder einmal, diesmal näher unter der Haut.
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