Das 24. Studioalbum DAYS von THE MOUNTAIN GOATS entfaltet eine melancholisch-mitreißende Retrospektive voller schrulliger Popkultur-Motive, die flüchtige Erinnerungen in feingliedrigen Folk-Rock verwebt.
John Darnielle hat sich ein Archiv eingerichtet, in dem Unwichtiges als historisches Fundament dient. Während andere Songwriter in der Rückschau nach epochalen Wendepunkten suchen, wühlt der Kopf hinter The Mountain Goats lieber im Unrat der Popkulturgeschichte. Wenn ein paranoider Hollywood-Star im Koksrausch die Bundesbehörden kontaktiert, wird das bei ihm nicht zur reinen Farce, sondern zum melancholischen Schlaglicht auf eine verblassende Epoche. Die Zeile „Do you see what I see? There’s no way all that’s fake“ bringt diese Bewegung auf den Punkt: Es ist der verzweifelte Versuch, einer zutiefst absurden Kulisse durch reine Behauptung Realität abzutrotzen.
Dass diese Geschichten aus den Siebzigern, Achzigern und Neunzigern im Gewand von aufgeräumtem, geradlinigem Folk-Pop daherkommen, verschärft die Brechung. Zusammen mit Schlagzeuger Jon Wurster und Multiinstrumentalist Matt Douglas verzichtet Darnielle auf die theatricalisierte Opulenz des Schiffbruch-Musicals „Through This Fire Across From Peter Balkan“. Stattdessen bildet schnörkelloser Schrammel-Gitarren-Indie das Gerüst. Selbst wenn der Bläsersatz oder das Saxofon-Solo einspringen, um den Rhythmus anzuschieben, bleibt das Klangbild merkwürdig zurückhaltend. Das Album inszeniert ein Stimmungsbild der Vertrautheit, das den dunklen Kernelementen der Texte standhält.
Im Zentrum steht ein lakonischer Umgang mit der Endlichkeit. In „Charlie Sheen Reaches Out to the Feds“ schwillt der Chor zur rhetorischen Pose an, während in „Song for Layne Staley“ das Verglühen eines Grunge-Sängers mit akkurater Beiläufigkeit skizziert wird. Das Album tastet sich durch Pop-Hysterien und verstaubte Nischen-Alben, ohne je in pompösen Stadion-Rock abzudriften, selbst wenn Songs wie „Candlebox“ kurz davor stehen. Mit Gastbeiträgen wie den Harfen-Akzenten von Mikaela Davis in „Going to Fennario“ oder den schwebenden Vocal-Arrangements von Janis Siegel (The Manhattan Transfer) in „Hidden Majesty of Later Venom Albums“ sichert sich die Produktion eine feine, unaufdringliche Textur.
Über ein Vierteljahrhundert nach den ersten Kassettendeck-Aufnahmen zeigt sich hier eine signifikante Verschiebung im Schaffen der Band. The Mountain Goats verlagern ihr narratives Zentrum von den intimen, autobiografisch aufgeladenen Bekenntnissen früherer Meilensteine hin zu einer historisch-kulturellen Archivrekonstruktion. Das Konzeptalbum fungiert nicht mehr als radikaler emotionaler Ausbruch, sondern als disziplinierte, klanglich geglättete Erkundung kollektiver Mythen und popkultureller Bruchstücke.
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