Melancholische Lichtspiele im psychedelischen Popgelände: Das kanadische Quartett MELTT balanciert auf seinem dritten Studioalbum PATHWAYS zwischen klanglicher Wärme und existenzieller Orientierungslosigkeit vor dem Eintritt in die Dreißiger.
Der Übergang vollzieht sich im Verborgenen, fast unbemerkt zwischen den feinen Verästelungen der Rhythmusspur. Jamie Turner’s Schlagzeugspiel simuliert die unerbittliche, mathematische Präzision eines programmierten Loops, behält in seiner physischen Ausführung jedoch die natürliche Resonanz eines echten Drumkits bei. Diese rhythmische Ambiguität bildet das klangliche Fundament, auf dem die musikalische Evolution stattfindet. Wo früher klare Trennlinien zwischen den Instrumenten verliefen, herrscht nun eine bewusste, fließende Unschärfe. Das akustische Element drängt sich nicht mehr als Fremdkörper auf, es bettet sich organisch in künstliche Texturen ein.
Es ist eine kontrollierte Verdichtung, die das kanadische Quartett Meltt auf seinem dritten Studioalbum „Pathways“ vollzieht. Diese stilistische Neuausrichtung spiegelt sich präzise im Artwork der Veröffentlichung wider. Die kreisrunde, weich fließende Farbsphäre fungiert als visuelle Übersetzung einer veränderten Ästhetik: Die Band bricht mit der starren Trennung früherer Tage und inszeniert stattdessen eine perfekt ausbalancierte Intimität. Das Cover symbolisiert keine künstliche Pose, sondern das Verschmelzen individueller Egos zu einem kollektiven Klangkörper. Chris Coady, bekannt für seine prägenden Arbeiten mit Beach House, hat diesen Prozess im Mix radikal unterstützt, indem er die traditionelle Hierarchie aus Gesang und Begleitung zugunsten einer gleichberechtigten Klangarchitektur aufgelöst hat.
Die textliche Ebene verweigert sich dem schnellen Zugriff, da Chris Smith die Zeilen oft in ein ätherisches Falsett hüllt, das Artikulation hinter Atmosphäre zurückstellt. Erst bei genauem Hinhören offenbart sich die existenzielle Schwere, die unter der warmen Produktion liegt. In „Up All Night“ bricht diese Melancholie durch die pop-orientierte Oberfläche, wenn Smith singt: „The thought of losing everything/ Is the pain that eats you from within.“ Die Lyrics dienen hier nicht der bloßen Illustration eines Gefühls, sie strukturieren die gesamte Dynamik des Albums. Der schleichende Einbruch von Vergänglichkeit und Verlust prägt die harmonische Ausrichtung, selbst in den vermeintlich optimistischen Momenten.
Im Vergleich zum Debüt „Swim Slowly“ (2019) und dem Nachfolger „Eternal Embers“ (2023) verschiebt sich die Gewichtung der Ausdrucksmittel grundlegend. Die Band agiert weniger songorientiert, sondern begreift das Album als ein zusammenhängendes, atmosphärisches Ökosystem. Während die frühen Arbeiten stark von isolierten Synthesizer-Flächen dominiert wurden, zeigt „Pathways“ eine signifikante Zunahme akustischer Gitarren, die gleichwertig neben analogen Bassläufen stehen. Diese akustische Aufwertung verleiht Stücken wie „In Your Arms“ eine greifbare Erdung, die den psychedelischen Eskapismus der Vorgängerwerke kontrolliert ausbremst.
Der Schlusspunkt „In Good Time“ bricht die dichte, vielschichtige Produktion der vorangegangenen Tracks abrupt auf. Es bleibt eine reduzierte, fast schmucklose Miniatur, die auf jegliche epische Steigerung verzichtet. Durch diesen radikalen Verzicht auf klangliches Pathos im letzten Moment vollzieht das Album eine entscheidende Bewegung innerhalb der Bandhistorie. „Pathways“ markiert den präzisen Punkt, an dem Meltt die spielerische Unbeschwertheit ihrer Zwanziger hinter sich lassen und die stilistische Offenheit der Psychedelia nutzen, um die Desillusionierung des Alterns formstabil zu kanalisieren.
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