TOCOTRONIC Wie wir leben wollen
Melancholische Reflexionen über den körperlichen Verfall prägen das Werk von TOCOTRONIC. Die Band entwirft auf ihrem zehnten Album eine komplexe Ästhetik der Vergänglichkeit. Mit warmen Analogklängen und philosophischer Tiefe wird das Altern als radikaler Akt der Selbstbestimmung inszeniert.
Man hört es im ersten Moment, in diesem fast unmerklichen Zögern zwischen den Takten: eine neue, beinahe schmerzhafte Körperlichkeit. Es ist kein Zufall, dass Dirk von Lowtzow das Album mit den Worten „Hey, hey, ich bin jetzt alt“ in „Im Keller“ eröffnet. Diese Zeilen markieren keine bloße Kapitulation vor der Biologie, sondern die bewusste Entscheidung, den zerfallenden Körper zum ästhetischen Material zu erklären. Tocotronic entziehen sich der jugendlichen Emphase ihrer Hamburger Frühphase und setzen stattdessen auf eine analytische Distanz, die den Mikrokosmos Mensch unter das Brennglas legt.
Diese programmatische Neuausrichtung findet ihre visuelle Entsprechung in der radikalen Reduktion des Artworks. Die rohe, ungestrichene Kartonoptik verweigert jeglichen Hochglanz und korrespondiert mit der Entscheidung für eine analoge Vierspur-Aufnahme. Inmitten dieser braunen Leere wirkt der rote, fast fiebrig hingekritzelte Schriftzug wie eine hastige Notiz an der Wand einer Zelle oder eines Sanatoriums. Es ist die Visualisierung eines prekären Selbstbildes, das sich nicht mehr über glatte Oberflächen definiert, sondern über die Spur des Flüchtigen. Das Cover klärt die hier verhandelte Paradoxie: Die Behauptung von Identität geschieht im Moment ihrer physischen Auflösung.
Die Musik agiert als strategischer Resonanzraum für diese Thesen. Produzent Moses Schneider nutzt im Candy Bomber Studio die „Telefunken T9“, um eine Klangarchitektur zu errichten, die gleichzeitig intim und seltsam entrückt wirkt. In Stücken wie „Neutrum“ wird die Idee einer kalkulierten Übergeschlechtlichkeit nicht nur textlich verhandelt, sondern durch den Einsatz von Theremin und Chordun klanglich als neblige Unschärfe inszeniert. Die Band nutzt Shoegaze-Elemente in „Auf dem Pfad der Dämmerung“ nicht als nostalgisches Zitat, sondern als Mittel zur Identitätsdiffusion.
Haltung bedeutet hier die Verweigerung von Eindeutigkeit. Wenn in „Exil“ die privilegierte Position des weißen, heterosexuellen Mannes als Krankheitszustand markiert wird, geschieht dies vor einem Hintergrund, der an die poppige Leichtigkeit der Rolling Stones erinnert. Diese Text-Ton-Schere unterläuft jede moralinsaure Belehrung. Tocotronic wählen die Form des Thesenpapiers, um uns aus der passiven Konsumentenrolle zu drängen. Authentizität wird als Falle begriffen; nur in der Künstlichkeit und in der bewussten Pose der Schwäche lässt sich noch ein Rest an Freiheit behaupten.
Der Körper fungiert als letzte Instanz der Revolte gegen eine optimierte Leistungsgesellschaft. In „Die Revolte ist in mir“ nisten die Viren als subversive Agenten des Kontrollverlusts. Es ist die konsequente Weiterführung ihrer früheren Verweigerungshaltung, die sich nun vom gesellschaftlichen „Dagegen“ in das somatische Innere zurückzieht. Das Album endet nicht in einer Lösung, sondern in der Erkenntnis, dass das Altern mit Stil und Grazie die einzige Form von Ewigkeit ist, die man sich in dieser Welt leisten kann.
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