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TOCOTRONIC Tocotronic (Das rote Album)

2015

Wenn die Verweigerung zur Umarmung wird: TOCOTRONIC suchen auf ihrem neuen Album die totale Offenheit und finden dabei eine irritierende neue Leichtigkeit. Die Hamburger Band bricht mit alten Gewissheiten, um im schillernden Gewand des Pop über die Liebe zu sprechen.

Der Basslauf in „Ich öffne mich“ besitzt eine stoische, fast schon kühle Geradlinigkeit, die man eher in den dunklen Clubs von Manchester als in der bisherigen Diskografie von Tocotronic vermutet hätte. Es ist ein kontrolliertes Pulsieren, das jede Form von Rock-Gesten im Keim erstickt und stattdessen eine flächige, fast schon synthetische Weite generiert. Diese klangliche Entscheidung markiert den Punkt, an dem die Band das Sezieren innerer Zustände gegen eine fast schon offensive Zugewandtheit eintauscht. Wo früher die Distanz als Schutzraum diente, wird nun eine klangliche Transparenz kultiviert, die keine Rückzugsorte mehr lässt.

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Diese neue, fast schon schmerzhafte Klarheit korrespondiert mit dem Albumcover: Ein rotes Quadrat, das in seiner kompromisslosen Reduktion an Malewitsch erinnert. Es ist keine Bebilderung, sondern eine Zuspitzung jener behaupteten Leere, die nun mit dem „größtmöglichen Gefühl“ gefüllt werden soll. Diese visuelle Setzung fungiert als Barriere gegen jede ironische Lesart; sie erzwingt eine Ernsthaftigkeit, die im krassen Gegensatz zur spielerischen Pop-Produktion von Moses Schneider und Markus Ganter steht. Das Rot ist hier kein Signal des Aufbruchs, sondern eine hermetische Versiegelung jener Intimität, die Tocotronic in Songs wie „Haft“ verhandeln.

Man hört eine Band, die sich das eigene Erbe als schwere Rüstung vom Leib streift, um in „Zucker“ plötzlich mit Chören und Handclaps zu hantieren. Die Texte von Dirk von Lowtzow operieren dabei in einer Zone, die das Banale streift, um es durch eine fast schon theatralische Artikulation wieder zu brechen. „Du bist aus Zucker, Du bist zart / Du schmilzt dahin, Du wirst nicht hart“, lauten die Zeilen, die in ihrer jambischen Strenge jede Mehrdeutigkeit verweigern. Es ist die bewusste Entscheidung für die Oberfläche, für den Schlager als radikale Form der Entblößung, die uns in eine tiefe Ratlosigkeit stürzt.

Strukturell weicht das Album von der dichten, diskursiven Schwere der Vorgänger ab und setzt auf eine fast schon beunruhigende Repetition von Personalpronomen. Das Ich und das Du werden zu Fixpunkten in einer musikalischen Welt, die sich zwischen den Smiths-Referenzen von „Rebel Boy“ und den New-Wave-Anleihen von „Die Erwachsenen“ bewegt. Die Gitarren von Rick McPhail agieren oft nur noch als atmosphärische Textur im Hintergrund, während Synthesizer und Streicher die dramaturgische Führung übernehmen. Es ist eine Ästhetik der Glätte, die paradoxerweise mehr Reibung erzeugt als jede verzerrte Gitarre, weil sie den gewohnten intellektuellen Filter der Band einfach umgeht.

Am Ende dieser Entwicklung steht eine Form der Sanftheit, die fast schon unheimlich wirkt. In „Diese Nacht“ löst sich die musikalische Struktur in einem Feld aus Naturgeräuschen auf, als müsse die Band nach der Anstrengung der totalen Pop-Affirmation erst einmal wieder zu Atem kommen. Die Grenze zwischen Neuerfindung und Selbstauflösung bleibt dabei fließend. Tocotronic haben ein System geschaffen, das so perfekt funktioniert, dass es seine eigene Notwendigkeit fast schon wegatmet, ohne die vertraute Melancholie jemals ganz zu verlieren.

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Ein quadratisches Bild, das fast vollständig in einem kräftigen, leicht strukturierten Rotton gehalten ist. An den Rändern blitzt vereinzelt ein schmaler, unregelmäßiger weißer Rahmen hervor, der an den Anschnitt einer Leinwand oder eines Kunstdrucks erinnert.

Tocotronic – Tocotronic (Das rote Album)

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73
minimalistisch
2015
Tocotronic (Das rote Album)
HO -0558- KR

Dieses Album ist innerhalb seiner Stimmung platziert und bewertet. Die folgende Auswahl zeigt Titel derselben Stimmung, die im Ranking darüber oder darunter liegen. Sie dient der Einordnung, nicht der Empfehlung.

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