THE NOTWIST News from Planet Zombie
Die neue Platte von THE NOTWIST beschreibt eine Welt im Ausnahmezustand. NEWS FROM THE ZOMBIE PLANET kombiniert rohe Live-Energie mit tiefer Melancholie zu einem Manifest der Gemeinschaft.
Das Aufbrechen der studioimmanenten Isolation markiert die zentrale Geste auf „News from Planet Zombie“. The Notwist wählen die kollektive Unmittelbarkeit eines Münchener Kulturzentrums als Produktionsort, stellen die physische Präsenz von elf Musikern gegen die digitale Vereinzelung der Vorjahre. Diese bewusste Entscheidung für die Live-Einspielung fungiert als ästhetische Strategie, welche die Brüche des Augenblicks ungeschönt konserviert. Die visuelle Gestaltung von Marie Vermont verschärft diesen Ansatz, indem sie eine farbgewaltige Unordnung aus Skeletten sowie Geisterwesen inszeniert. Dieser Entwurf einer apokalyptischen B-Movie-Szenerie bricht radikal mit der klanglichen Intimität, dient als Zuspitzung einer Welt, die ihre rationale Ordnung verloren hat. In Songs wie „X-Ray“ artikuliert sich eine Wut, welche die Band seit der Mitte der Neunziger zugunsten feingliedriger Experimente weitgehend abgelegt hatte. Die raue Textur, das ungeschönte Feedback, die alarmistische Orgel forcieren eine Dringlichkeit, die keinerlei Glättung zulässt.
Die Integration von Bläsern sowie Perkussion in Titeln wie „Projectors“ verleiht der Musik eine Bodenhaftung, die über rein klangliche Ästhetik hinausgeht. Es handelt sich um eine Positionsbestimmung innerhalb einer geopolitischen Sackgasse. Markus Acher nutzt die sanfte Führung seiner Stimme als letztes verbliebenes Korrektiv inmitten einer kollabierenden Umgebung. „Where we cannot go / our dreams will show“, heißt es in „Who We Used To Be“, was die Flucht in das Private nicht als Eskapismus, vielmehr als notwendige Rekonstruktion von Identität markiert. Die Coverversionen von Neil Young sowie der Band Lovers fügen sich nahtlos in diese Erzählung ein, wirken wie entdeckte Artefakte einer gemeinsamen Sprache. Das abschließende „Like This River“ nutzt die Metapher des fließenden Wassers für eine zeitliche Unausweichlichkeit. Diese Konsequenz der Selbstverortung führt zu einem Klangbild, das die eigene Fragilität eher ausstellt als kaschiert. Die bewusste Abkehr vom Perfektionismus macht die Musik angreifbar, verleiht ihr gleichzeitig eine Relevanz, die sich aus der bloßen Teilhabe am Moment speist.
Die strukturelle Entscheidung für die Live-Besetzung inklusive Micha Acher’s markantem Sousafon-Einsatz schafft eine räumliche Tiefe, welche die Distanz zwischen Publikum sowie Werk verkürzt. In „Teeth“ zeigt sich diese neue Direktheit in einer melancholischen Schönheit, die auf jegliche elektronische Verbrämung verzichtet. Der Verzicht auf die endlose Schichtung von Tonspuren ermöglicht eine Klarheit, welche die inhaltliche Zerrissenheit des Albums erst erträglich macht. Die Strategie der Gemeinschaftlichkeit manifestiert sich als klangliche Basis. Jedes Instrument erhält seinen Platz im Gefüge, ohne die Individualität der Einzelbeiträge zu unterdrücken. Diese Form der musikalischen Solidarität bildet den Kern einer Platte, welche die Trümmer der Gegenwart nicht ignoriert, sondern aus ihnen ein tragfähiges Gerüst baut. Diese Abkehr von der bisherigen Perfektionswut lässt das Werk als Momentaufnahme einer Band erscheinen, die ihre Sicherheit im Miteinander findet.
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