Zwischen Flammen, Masken und Mythos: Wie THE LAST DINNER PARTY auf FROM THE PYRE ihr theatralisches Rockuniversum entfesseln und aus barockem Überschwang eine düstere Selbstbefragung der Gegenwart formen.
„Oh, here comes the apocalypse, and I can’t get enough of it“: Schon in der ersten Zeile ihres zweiten Albums liefern The Last Dinner Party ein Manifest der Übertreibung. „From The Pyre“ ist kein Rückzug aus dem Bombast des gefeierten Debüts „Prelude to Ecstasy“, sondern dessen Verdichtung. Die Londoner Band um Sängerin Abigail Morris sucht nicht nach neuen Rollen, sondern nach Tiefe im eigenen Mythos. Zwischen barockem Pop, Glam und Gothic-Rock entfaltet sich ein Werk, das mehr Drama wagt als fast alles, was die britische Szene derzeit hervorbringt.
Produzent Markus Dravs (bekannt durch Arcade Fire und Florence Welch) verleiht den zehn Songs eine erdige Schwere, die den Pathos der Arrangements nie ganz bändigt. „Agnus Dei“ öffnet das Album mit apokalyptischem Singsang, der sich in fiebrigen Gitarren entlädt. Hier klingt der Himmel verbrannt, der Boden dampft noch. Morris phrasiert mit einer Mischung aus Verführung und Zorn, ihre Stimme changiert zwischen Kate Bush und Siouxsie Sioux, ohne eine von beiden zu imitieren. Der Song „Rifle“ steigert diese Spannung: Die Gitarren kratzen an Doom und Blues, während die Texte von Blut und Erlösung sprechen.
Trotz solcher Momente droht „From The Pyre“ gelegentlich an seinem eigenen Theater zu ersticken. Wo „Count the Ways“ mit präzisem Songwriting überzeugt, verliert „I Hold Your Anger“ sich in Manierismen. Das Wechselspiel aus zarter Ballade und dramatischer Überzeichnung wirkt kalkuliert. Doch sobald „The Scythe“ erklingt, zieht das Album seine stärkste Karte: ein Lied über Verlust, Tod und Kontinuität, das in seiner Ruhe erschüttert. Morris singt „Don’t cry, we’re bound together“ mit der Klarheit einer Künstlerin, die den Schmerz nicht mehr inszenieren muss.
Das Cover zeigt die Band als Figuren einer grotesken Allegorie: Engel, Mörderinnen, Priesterinnen, allesamt in einem grasbewachsenen Bühnenraum, über dem ein Feuer lodert. Diese Szene spiegelt den Kern des Albums. „From The Pyre“ ist ein Schauspiel über weibliche Macht, mythologische Wut und das Ritual des Überlebens in einer brennenden Welt. Abseits der Pose bleibt ein Rest Unbehagen. Die Kunstfertigkeit ist unbestritten, doch manche Passagen wirken so kontrolliert, dass sie an Spontaneität verlieren. The Last Dinner Party glänzen im Exzess, kämpfen aber mit dem Zwang, die eigene Größe immer wieder zu beweisen.
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