SUSAN ALCORN, LEILA BORDREUIL, INGRID LAUBROCK Bird Meets Wire
SUSAN ALCORN, LEILA BORDREUIL und INGRID LAUBROCK entwerfen mit BIRD MEETS WIRE eine radikale Topografie des Stillstands. In dieser klanglichen Grenzverschiebung treffen zerbrechliche Americana-Fragmente auf eine unterkühlte, fast geisterhafte Improvisationskunst.
Das Pedal-Steel-Glissando von Susan Alcorn beginnt oft mit einer Verzögerung, die den Raum zwischen den Tönen erst schmerzhaft dehnbar macht, bevor es sich in die Textur auflöst. Es ist keine Geste der Sehnsucht mehr, sondern eine rein physikalische Untersuchung von Schwingung und Sustain, die jede folkloristische Behaglichkeit im Keim erstickt. Wenn Alcorn in „Area 41“ die Saiten anspricht, antwortet die Cello-Elektronik von Leila Bordreuil nicht mit Harmonien, sondern mit einem statischen Knistern, das wie trockener Wüstenwind durch die Aufnahme fegt. Das Trio verweigert sich jeder konventionellen Rollenverteilung; hier gibt es keine Solistin, nur eine kollektive Verdichtung von Frequenzen, die sich langsam zu einem beunruhigenden Ganzen formen.
Das Albumcover mit seinen fünf horizontalen, grob gesetzten blauen Pinselstrichen auf weißem Grund fungiert dabei als visuelle Partitur dieser kargen Ästhetik. Es inszeniert keine Musikerinnenpose, sondern eine bewusste Künstlichkeit, die den Bruch zwischen der organischen Herkunft der Instrumente und der kühlen, abstrakten Verarbeitung markiert. Diese blauen Streifen wirken wie die Drähte eines Zauns, an denen sich die musikalischen Motive verfangen, eine radikale Reduktion auf das Wesentliche, die jede emotionale Überwältigungsstrategie zugunsten einer spröden Authentizität ablehnt.
In „Is Is Not“ treibt Ingrid Laubrock ihr Saxophonspiel in Regionen des reinen Atems und der Multiphonics, die kaum noch als Holzblasinstrument erkennbar sind. Die Kommunikation basiert auf einer strategischen Distanz, einem vorsichtigen Abtasten von klanglichen Leerstellen, das in „Topology of Time“ eine fast hypnotische Lähmung erreicht. Selbst wenn das Trio mit „Cañones“ auf das chilenische Protestlied „¡El pueblo unido, jamás será vencido!“ zurückgreift, geschieht dies ohne deklamatorischen Gestus. Die Melodie wird zu einem skelettierten Echo, das sich in der Weite der Produktion von Colin Marsten verliert, bis nur noch die rhythmische Skelettierung bleibt.
Diese Musik behauptet keine Gewissheiten, sondern kartografiert das Verschwinden. Wenn in „Indigo Blue“ die letzten Zeilen des traditionellen „Wayfarin’ Stranger“ nur noch als strukturelles Skelett fungieren, wird die Entfremdung zum eigentlichen Thema des Albums. „I’m goin’ there to see my Father / I’m goin’ there, no more to roam“ erscheint hier nicht als Trost, sondern als die finale Auflösung einer Form, die ihre eigene Auflösung längst antizipiert hat. Susan Alcorn, Leila Bordreuil und Ingrid Laubrock haben mit diesem Werk eine Ästhetik der klanglichen Entleerung perfektioniert, die weit über das Genre der freien Improvisation hinausweist.
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